Thailands Mikrodrama-Offensive: Wie das Land zur globalen Produktionsnation aufsteigen will

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Thailand investiert 220 Millionen Baht in Film und Mikrodrama, bildet Fachkräfte in Universitätsprogrammen aus und bringt vertikale Serien ins lineare Fernsehen. Das südostasiatische Land will das Format als Soft-Power-Instrument nutzen, nach dem Vorbild der koreanischen Hallyu-Welle.

Thailand ist längst kein passiver Konsumentenmarkt für Mikrodramen mehr. Das südostasiatische Königreich verfolgt seit 2025 eine koordinierte Strategie, um vom Zuschauer- zum Produzentenland aufzusteigen. Mit staatlicher Förderung, akademischen Ausbildungsprogrammen und der expliziten Einbettung von Vertical Video-Serien in die nationale Soft-Power-Strategie positioniert sich Thailand als ernstzunehmender Akteur im globalen Mikrodrama-Markt.

Die Ambitionen sind groß, die Infrastruktur wächst schnell, und der Vergleich mit der koreanischen Hallyu-Welle fällt in Bangkok mittlerweile routiniert. Doch wie realistisch ist der Anspruch, und was steckt hinter den Ankündigungen?

220 Millionen Baht für Film, IP und Mikrodrama

Das finanzielle Fundament der thailändischen Offensive bildet ein Subventionsprogramm des National Soft Power Strategy Committee (NSPSC). Für das Fiskaljahr 2025 hat die Regierung ein Budget von 220 Millionen Baht (rund 6 Millionen US-Dollar) bewilligt. Davon fließen 200 Millionen in die Produktionsunterstützung für Filme, Serien und Dokumentationen, 10 Millionen in die Entwicklung eigener IP-Rechte und weitere 10 Millionen explizit in Kurzfilme und Mikrodramen für globale digitale Märkte.

Die Federführung liegt bei der Thailand Creative Culture Agency (THACCA) in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium und einem eigenen Unterausschuss für Film, Drama und Serien. Insgesamt wurden laut dem Branchenportal Screen Global Production 86 Projekte für die Förderung ausgewählt. Thailand präsentierte sein Förderprogramm auch international, etwa bei der FILMART in Hongkong im März 2025, gemeinsam mit dem Tourismus- und Handelsministerium.

Das Programm ist Teil einer umfassenderen Soft-Power-Strategie namens „One Family One Soft Power“ (OFOS), die 13 Schlüsselsektoren umfasst. Film und Serien stehen gleichberechtigt neben Kulinarik, Tourismus und Mode. Thailand will damit kulturelle Exporte systematisch ausbauen und Mikrodrama als eines der Vehikel dafür nutzen.

Von der Universität auf den Weltmarkt

Neben dem Geld investiert Thailand auch in Wissen. Im Mai 2025 fand an der Rajamangala University of Technology Krungthep (RMUTK) der Intensiv-Workshop „EMDT“ statt, der ausgeschrieben für „Kreation, Monetarisierung, Soft Power“ steht. Geleitet von Dr. Settha Weerathammanon, Dozent an der Fakultät für Wissenschaft und Technologie, verfolgte das zweitägige Programm ein ehrgeiziges Ziel. Thailändisches Produktionspersonal sollte auf internationales Niveau gebracht werden, um die globale Exportfähigkeit von vertikalen Serien zu sichern.

Das Programm wurde gemeinsam vom Department of Cultural Promotion und der THACCA getragen. Zu den Referenten zählten laut dem thailändischen Nachrichtenportal Newstimestory unter anderem „Kai“ Varayuth Milintachinda, ein einflussreicher TV-Drama-Produzent, der mehr staatliche Unterstützung für das Format forderte, sowie „Krating“ Khunnarong Prathetrat, Schauspieler und Führungskraft bei der thailändischen Mikrodrama-Plattform MinChap. Auch chinesisches Know-how floss ein. Pang Daoming, Executive Producer bei Zuji Culture & Entertainment Shanghai, brachte die Perspektive des weltweit dominierenden Marktes mit.

Die Kombination aus akademischer Ausbildung, Branchenpraktikern und internationalem Wissenstransfer ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass Thailand den Aufbau einer eigenen Produktionsinfrastruktur nicht dem Zufall überlassen will.

Channel 3 bringt vertikale Serien ins Fernsehen

Während die Förderung die Angebotsseite stärkt, arbeiten Medienunternehmen gleichzeitig an der Nachfrage. Am 16. März 2026 startete Channel 3 (BEC World) mit „Tang Tid Jor“ ein für Thailand bislang einmaliges Experiment. Das Programm zeigt täglich vertikale Serien im linearen Fernsehprogramm, von Montag bis Freitag im Vorabendprogramm.

Der Name ist Programm und setzt sich aus den Wörtern für vertikal, Suchtpotenzial und Fernsehbildschirm zusammen. Wiboon Leerattanakajorn, Acting President TV Business bei Channel 3, nannte das Projekt eine „aggressive Strategie“. Die Umsetzung ist in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich. Der 20-Minuten-Block läuft ohne Werbeunterbrechung, eine komplette Serie wird innerhalb einer Arbeitswoche mit fünf Episoden erzählt. Die schwarzen Balken neben dem 9-zu-16-Bild (das sogenannte Vertical Video-Pillarboxing) werden mit QR-Codes befüllt, über die Zuschauer im Drama gezeigte Produkte direkt kaufen können. Im Anschluss wird die vollständige Serie auf der App 3Plus freigeschaltet, einzelne Episoden kosten 49 Baht für 72 Stunden Zugang.

Das Serienangebot umfasst sowohl lokale Produktionen als auch internationale Koproduktionen, darunter „Sunlit Whispers“, „Blind Wife“ und die chinesisch-thailändische Zusammenarbeit „Oh Thai Girl! Pull at the General's heartstrings“.

Produktions-Hub mit Kostenvorteilen

Parallel zur Inlandsoffensive positioniert sich Thailand auch als Offshore-Produktionsstandort für internationale Auftraggeber. Unternehmen wie Mbrella Films und Alchemist Productions werben laut der Unternehmenswebsite von Mbrella Films mit rund 40 Prozent Kostenersparnis gegenüber westlichen Budgets. Die bereits etablierte Filminfrastruktur des Landes, das seit Jahrzehnten als Drehort für internationale Produktionen dient, bildet dafür die Grundlage.

Auch regionale Player bauen ihre Präsenz aus. AR Asia Productions mit Sitz in Hongkong, Singapur und Los Angeles hat Thailand als einen seiner Top-5-Märkte identifiziert und nutzt das Land als Produktions-Hub. Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über einen Katalog von rund 1.000 mehrsprachigen Mikrodramen. Im Dezember 2025 schloss AR Asia eine mehrjährige exklusive Partnerschaft mit ReelShort für den gesamten asiatisch-pazifischen Raum.

In Thailand selbst ist mit der Kantana Group einer der traditionsreichsten Medienkonzerne eingestiegen. Im August 2025 stellte die Gruppe gemeinsam mit Amarin TV und der MI Group das Projekt „K-Shorts“ vor und richtete laut ContentAsia eigene Studios für die vertikale Produktion ein. Thailands größter Mobilfunkanbieter AIS hat ShortMax seit Dezember 2025 in sein Premium-Streaming-Paket integriert und stellt das Angebot damit auf eine Stufe mit Premier-League-Übertragungen.

Die Hallyu-Analogie und ihre Grenzen

Die Parallele zur koreanischen Kulturwelle ist bewusst gewählt. Thailand verfügt bereits über ein globales Erfolgsformat, das als Blaupause dient. BL-Serien (Boys Love) haben seit 2020 eine internationale Fangemeinde aufgebaut, und das thailändische Außenministerium nutzt sie laut akademischer Forschung seit 2021 aktiv als diplomatisches Instrument. Der Streaminganbieter Viu hat für 2026 bereits drei thailändische BL-Mikrodramen angekündigt, darunter „My Superstar My Love“ und „Love of Addiction“, jeweils mit 52 Teilen à zwei Minuten.

Doch die Hallyu-Analogie hat Grenzen. Südkoreas Kulturexport basiert auf jahrzehntelanger Investition, einer global etablierten Musikindustrie und Plattformen wie Netflix, die koreanische Inhalte weltweit distribuieren. Thailand verfügt über nichts davon in vergleichbarem Maßstab. Die dedizierten Mikrodrama-Plattformen, die den Markt derzeit dominieren, sind fast ausschließlich chinesischer Herkunft. ReelShort, DramaBox und ShortMax kontrollieren die Distribution, und China hält laut der Omdia-Prognose von Ende 2025 rund 83 Prozent der globalen Mikrodrama-Einnahmen.

Thailand ist zwar nach Omdia-Daten der fünftgrößte internationale Mikrodrama-Markt nach den USA, Japan, Südkorea und dem Vereinigten Königreich. Doch der gesamte internationale Markt (also alles außerhalb Chinas) erreichte im dritten Quartal 2025 gerade einmal 800 Millionen US-Dollar. Das sind beachtliche Wachstumsraten, aber noch kein Marktvolumen, das eine eigene Produktionsindustrie trägt.

Für Thailand wird entscheidend sein, ob es gelingt, den Übergang vom geförderten Pilotprojekt zur nachhaltigen Produktion zu schaffen. 220 Millionen Baht sind ein Signal, aber kein Ökosystem. Die Fördersumme entspricht umgerechnet dem Budget einiger Dutzend Mikrodrama-Serien, nicht dem Aufbau einer ganzen Branche. Und ob thailändische Inhalte auf chinesisch kontrollierten Plattformen genug Sichtbarkeit bekommen, um eine eigene Marke aufzubauen, bleibt eine offene Frage. Die Infrastruktur wächst, die Ambitionen sind formuliert. Was fehlt, ist der Beweis, dass thailändische Mikrodramen auch jenseits von BL-Nischen ein globales Publikum finden.