MIP London 2026 zeigt: Mikrodrama-Apps wachsen zehnmal schneller als klassisches Streaming
Beim MIP London 2026 standen Mikrodramen im Mittelpunkt einer gut besuchten Panel-Session. Neue Zahlen von Sensor Tower zeigen, dass Short-Drama-Apps im Jahr 2025 mehr als doppelt so viele Downloads verzeichneten wie im Vorjahr, während klassische Streaming-Apps schrumpften. Branchen-Vertreter diskutierten Stars, Zielgruppen und die Frage, ob das Format Hype oder Zukunft ist.
Beim Branchenevent MIP London 2026 füllten Mikrodramen eine gut besuchte Panel-Session. Vertreter von GammaTime, Holywater Tech und COL Group International tauschten sich über Wachstum, Zielgruppen und Produktionsstrategie aus. Die Zahlen, mit denen die Diskussion eröffnet wurde, sprechen für sich.
Sensor Tower: Short-Drama-Apps wachsen zehnmal schneller
Panelmodeatorin Maria Rua Aguete, Head of Media and Entertainment beim Datenanbieter Omdia, verwies auf den aktuellen Sensor Tower-Jahresbericht zum Zustand des mobilen Markts. Demnach stiegen Video-Streaming-App-Downloads weltweit um knapp 39 Prozent in 2025, der Umsatz kletterte um rund 18 Prozent. Wer genauer hinschaut, erkennt, dass dieser Wachstumsschub fast vollständig von Short-Drama-Apps getragen wird. Downloads in diesem Segment legten gegenüber 2024 um mehr als 100 Prozent zu. Klassische Streaming-Apps dagegen verloren, ihre Downloads sanken um mehr als 4 Prozent.
Aguete nannte außerdem die aktuelle Gesamtgröße des globalen Mikrodrama-Markts. Dieser liegt demnach bei 11,1 Milliarden Dollar, davon entfallen 3,5 Milliarden auf Werbeerlöse. Noch vor wenigen Jahren war das Format nahezu unbekannt außerhalb Chinas.
Hollywood-Namen und kein Platz für Stars
Alex Montalvo, Mitgründer und Chief Content Officer von GammaTime, wies die Einschätzung zurück, vertikale Inhalte seien qualitativ minderwertig. Das Format entwickle sich kontinuierlich weiter, sagte er, und GammaTime arbeite mit Persönlichkeiten aus dem klassischen Hollywood zusammen. Vier Projekte der Plattform stammen von Anthony E. Zuiker, dem Schöpfer der CSI-Reihe. Der Thriller The Road Between Us sowie die Serien The Temptress, Lust Cop und Kill Switch gehen auf ihn zurück.
Einen ganz anderen Ansatz vertritt Tim Oh, General Manager von COL Group International. Sein Unternehmen besetzt seine Mikrodramen bewusst ohne bekannte Schauspieler. Oh begründet das damit, dass es beim Publikum um Fantasie gehe und Stars davon ablenken könnten. Diese Haltung steht im Kontrast zur Strategie anderer Anbieter, die gezielt auf prominente Namen oder Influencer setzen.
Auch Anatolii Kasianov, Mitgründer und CTO von Holywater Tech, dem Betreiber von MyDrama, sprach über die Ausrichtung seines Unternehmens. Holywater hat zuletzt das VFX-Studio Jeynix übernommen, das auf Gesichtsanimation, Gesichtsersatz und Lippensynchronisation spezialisiert ist. Die Akquisition soll die Produktionskapazitäten grundlegend verändern, nicht nur für vertikales Video. Kasianov berichtete außerdem, dass Holywater exklusiv mit Dhar Mann zusammenarbeitet, einem der reichweitenstärksten Creator im englischsprachigen Internet.
Hype oder Zukunft? Die Antwort ist beides
Die Abschlussfrage an das Panel lautete, ob Mikrodrama ein vorübergehender Hype oder ein dauerhaftes Format sei. Tim Oh wählte eine ungewöhnlich offene Antwort. Beides stimme, sagte er. Das Segment werde sich verändern und sehr schnell. Wer bleibe, sei das Format selbst. Oh verglich die Entwicklung mit Candy Crush. Das Spiel war einmal dominant, ist längst von vielen Titeln überholt worden, wird aber immer noch gespielt.
Als praktischen Vorteil von Mikrodramen nannte Oh am Ende der Diskussion eine Eigenschaft, die selten in Analystenberichten auftaucht. Man kann sie auf der Toilette schauen. Die Episode ist kurz genug, man bekommt einen befriedigenden Abschluss und kann dann weitermachen. Das Format passt in die Bruchstücke des Alltags, in denen längeres Streaming schlicht nicht möglich ist.
Die Debatte auf dem MIP London spiegelt wider, wo die Branche gerade steht. Die Zahlen sind eindeutig, die Produktionsstrategien divergieren, und die Frage nach nachhaltiger Qualität bleibt offen. Was sich in London zeigte, ist das gewachsene Selbstbewusstsein einer Branche, die sich nicht mehr als Randphänomen versteht.