„Netflix muss keine Nutzer über Kurzformate gewinnen"

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In einem Gespräch bei der Streaming Media Connect 2026 ordnet Grace Gao von Celestine Pictures den US-Mikrodrama-Markt ein. Ihr Fazit: Das Volumen steht, jetzt muss die Qualität folgen. Und Netflix ist kein Konkurrent der Apps.

Die Frage, wie sich Mikrodramen in den nachhaltig finanzieren lassen, beschäftigt die Branche seit dem rasanten Wachstum der letzten zwei Jahre. Grace Gao, Gründerin und Executive Producer der Produktionsfirma Celestine Pictures, hat dazu bei der Streaming Media Connect 2026 gerade erst Stellung bezogen. Im Gespräch mit Moderator Chris Pfaff skizzierte sie drei zentrale Entwicklungen.

Branded Content mit Zeitverzögerung

Gao beschreibt ein wiederkehrendes Muster. Trends im Mikrodrama-Bereich entstehen in Asien, hauptsächlich Mainland China, und erreichen den US-Markt mit einer Verzögerung von drei bis fünf Jahren. Für Branded Entertainment bedeutet das konkret, dass Markenkooperationen, die in China seit 2021 üblich sind, jetzt erst in den USA ankommen.

Der Vorteil für Unternehmen liegt laut Gao darin, neue Zielgruppen über das Format anzusprechen oder bestehende Zielgruppen gezielter zu erreichen. Sie verweist auf ReelShort als Beispiel für eine Plattform, die ihre Markenpartnerschaften in diese Richtung ausbaut.

Neben dem Werbesektor sieht Gao auch Interesse aus dem Technologie- und Bildungsbereich. Unternehmen aus diesen Branchen beauftragen zunehmend Inhalte im vertikalen Format und lassen sie über bestehende Plattformen distribuieren. Diese Einnahmequellen jenseits des klassischen Freemium-Modells könnten den Gesamtmarkt stabilisieren.

Erst Masse, dann Qualität

Beim Thema Content-Strategie unterscheidet Gao zwischen zwei Phasen. In der ersten Phase dominiere das Volumen. Etablierte Plattformen wie GoodShort oder DramaBox hätten diesen Schritt bereits vollzogen. Neuere US-Plattformen befänden sich noch in dieser Phase. Erst wenn eine kritische Masse an Inhalten erreicht sei, könnten Anbieter mit Qualität und neuen Genres experimentieren.

Gao sieht den US-Markt an einem Wendepunkt. Die Top-Plattformen hätten genug Volumen aufgebaut, um jetzt in Qualität und Vielfalt zu investieren. Der erste Schritt bei der Internationalisierung bestehe dabei oft darin, erfolgreiche chinesische Stoffe zu lokalisieren oder einfach zu übersetzen. Dieser Hinweis ist natürlich nicht ganz uneigennützig, schließlich bietet Gaos eigenes Unternehmen IP-basiertes Screenwriting an. Das geht weit über die reine Übersetzungsleistung hinaus. Lokalisierung ist hier das Zauberwort.

Kein Konkurrenzverhältnis zu Netflix

Auf die Frage, ob große Streaming-Dienste wie Netflix den Mikrodrama-Apps gefährlich werden könnten, gibt Gao eine deutliche Einschätzung ab. Die beiden Geschäftsmodelle erfüllten grundlegend verschiedene Funktionen. Netflix müsse keine neuen Nutzer über mobile Kurzformate gewinnen, weil das Unternehmen seine Abonnenten bereits habe. Mikrodrama-Apps hingegen hätten ihren Aufbau mit User Acquisition begonnen und entwickelten ihre Content-Strategie erst im Nachhinein.

Gao sieht keinen direkten Wettbewerb, sondern ein positives Signal. Wenn große Streamer das Format beachten, bedeute das, dass mobile Kurzformate langfristig zum Mainstream gehören werden.

Diese Einschätzung ist allerdings nicht unumstritten. Ob die Koexistenz tatsächlich so friedlich verläuft, hängt davon ab, wie aggressiv Netflix und YouTube eigene vertikale Inhalte entwickeln. Gaos Perspektive als Produzentin, die selbst Inhalte für Mikrodrama-Plattformen liefert, spiegelt naturgemäß die Sicht eines Marktteilnehmers wider, der von der Unabhängigkeit der Apps profitiert.