Mikrodrama in Deutschland: Erste Produktionen, neue Plattformen und ein Markt am Startpunkt
Während Mikrodrama in Asien und den USA längst ein Milliardenmarkt ist, bewegt sich in Deutschland an mehreren Standorten gleichzeitig etwas. In München drehen erste Teams Pilotfolgen, in Köln produziert Constantin Entertainment bereits für den internationalen Markt, in Leipzig liefert Saxonia Media vertikale Serien für die ARD. Eine Bestandsaufnahme von Bayern bis zum Rheinland.
Holger Frick, Geschäftsführer der Münchner Produktionsfirma SUPERAMA, hat am vergangenen Wochenende fünf Episoden für zwei selbst entwickelte Serienkonzepte gedreht. Konsequent vertikal, in 12K auf einer Blackmagic Pyxis, mit einem LED Screen, sechs Schauspielern und sieben Sets. Alles an einem einzigen Tag. Was nach einer Guerilla-Produktion klingt, ist der bisher sichtbarste Beweis dafür, dass Mikrodrama in Deutschland nicht mehr nur beobachtet, sondern tatsächlich produziert wird.
„Vertical Micro Drama ist kein kleines Format“, schreibt Frick auf LinkedIn. „Es braucht eine komplett eigene Dramaturgie, ein anderes Tempo und neue Produktionslogiken.“ Zusammen mit Florian Wolf und den Gründern der Vertical Minds GmbH, Markus Vogelbacher und Chriz Merkl, hat er den Schritt vom Reden zum Machen vollzogen. „Nicht mehr schauen, reden und warten. Wir müssen direkt machen!“
SUPERAMA und PLAZAMEDIA setzen auf LED-Technik
SUPERAMA wurde 2010 in München gegründet und hat sich von einer klassischen Filmproduktionsfirma zu einem Digital-Marketing-Studio entwickelt. Die Produktion der Pilotfolgen fand in Zusammenarbeit mit PLAZAMEDIA statt, einem der größten Mediendienstleister in Deutschland mit Sitz in Ismaning bei München.
Die Produktionslogik, die Frick beschreibt, ist typisch für den Mikrodrama-Sektor weltweit. Maximale Effizienz, kurze Drehtage, LED-Technologie statt aufwendiger Location-Wechsel. In China, wo das Format seinen Ursprung hat, entstehen komplette Serien mit 80 bis 100 Folgen in wenigen Drehtagen. Dass ein deutsches Team diesen Ansatz jetzt adaptiert, ist bemerkenswert. Bisher hat die hiesige Filmbranche das Format überwiegend aus der Distanz beobachtet.
Vertical Minds plant Plattform EiLiN
Die Vertical Minds GmbH wurde im Januar 2026 in Bayern gegründet. Hinter dem Joint Venture stehen Chriz Merkl und Markus Vogelbacher. Im Sommer 2026 soll die Plattform EiLiN starten, eine App für Hochkant-Serien deutscher Herkunft. Die Gründer positionieren das Konzept als „Fernsehen für die Hosentasche“, ein Angebot zwischen Social Media und klassischem Streaming.
Bei einem Event des MedienNetzwerk Bayern haben die Gründer ihre Kalkulation vorgestellt. Geplant sind Produktionskosten zwischen 150.000 und 250.000 Euro für rund 100 kurze Episoden, mit angesetzten acht Drehtagen und einer Woche Postproduktion. Bereits 50.000 zahlende Zuschauer könnten diese Kosten wieder einspielen. Die Erlösverteilung folgt dem branchenüblichen 50:50-Split zwischen Plattform und Produzenten.
Bewusst wollen sich Merkl und Vogelbacher von den asiatischen und US-amerikanischen Vorbildern abgrenzen. Während Plattformen wie ReelShort oder DramaBox stark auf Romance-Plots setzen, soll EiLiN auf Genre-Vielfalt und europäische Perspektiven bauen. Zur Refinanzierung setzen die Gründer neben Pay-per-Episode auch auf Branded Entertainment.
Constantin Entertainment produziert in Köln für den Weltmarkt
Während München noch Pilotfolgen dreht, ist Köln schon einen Schritt weiter. Constantin Entertainment, bekannt als Produzent von Formaten wie „LOL: Last One Laughing“ für Amazon Prime, hat in den vergangenen acht Wochen zwei komplette Staffeln mit jeweils 60 Folgen für die internationale Plattform Crisp Momentum abgedreht. Die Serien sollen im April 2026 erscheinen.
„Vertikale Dramas sind ein hochdynamisches Genre mit enormem Wachstumspotenzial, das auch den europäischen Markt erobern wird“, sagt CEO Otto Steiner. Die produzierten Serien sind von Beginn an auf globale Auswertung ausgelegt und verbinden laut Constantin „klare Figurenführung, hohe Emotionalität und genretypische Dramaturgie mit den spezifischen Anforderungen vertikalen Storytellings“.
Crisp Momentum, geleitet von CEO Renger van den Heuvel, ist eine international ausgerichtete Plattform für vertikalen Short-Form-Content mit Fokus auf IP-basiertes, Mobile-First-Storytelling. Van den Heuvel bezeichnete Europa als „zentralen Wachstumsmarkt für Vertical Dramas“. Dass mit Constantin Entertainment ein Unternehmen der Constantin-Film-Gruppe einsteigt, das über jahrzehntelange Produktionserfahrung und ein internationales Netzwerk verfügt, verleiht dem deutschen Mikrodrama-Markt eine andere Dimension als reine Startup-Initiativen.
ARD und Saxonia Media bringen vertikale Serien aus Leipzig
Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk bewegt sich. Die ARD hat zusammen mit Saxonia Media, einem der größten deutschen Produktionshäuser mit Sitz in Leipzig, die vertikale Serie „Between the Beats“ produziert. Das Format liefert snackable Content im Hochformat und markiert einen der ersten konkreten Schritte eines deutschen Senders ins fiktionale Vertikalformat jenseits reiner Social-Media-Clips.
Dass ausgerechnet Leipzig hier als Produktionsstandort auftaucht, ist kein Zufall. Mitteldeutschland hat in den letzten Jahren eine aktive Filmförderungslandschaft aufgebaut, und Saxonia Media verbindet als Tochter der Bavaria Film Produktionskapazität mit öffentlich-rechtlicher Reichweite.
Superheldin nutzt Mikrodrama als Recruiting-Tool
Eine unerwartete Anwendung zeigt sich abseits der klassischen Unterhaltungsbranche. Das Jobportal Superheldin, spezialisiert auf weibliche Talente, hat in Holger Fricks Beitrag auf LinkedIn angekündigt, dass ihr erstes Mikrodrama am 27. März 2026 live geht. Vertical Drama als Instrument im Female Recruiting, um Zielgruppen dort abzuholen, wo sie ihre Zeit verbringen. Im vertikalen Feed auf dem Smartphone.
Das zeigt, dass Mikrodrama in Deutschland nicht nur als Unterhaltungsformat Potenzial hat, sondern auch als Kommunikationswerkzeug für Marken und HR-Abteilungen. Die Verbindung von fiktionalem Storytelling mit konkreten Geschäftszielen ist ein Modell, das in Asien unter dem Begriff Branded Entertainment bereits zum Standardrepertoire gehört.
Abo-Müdigkeit trifft Smartphone-Dominanz
Der Zeitpunkt für den deutschen Markteinstieg ist kein Zufall. Die ARD/ZDF-Medienstudie 2025 dokumentiert einen Rückgang der Wochenreichweite von Videostreamingdiensten bei den 14- bis 29-Jährigen von 76 auf 72 Prozent, während Videos auf Social Media im gleichen Zeitraum von 50 auf 77 Prozent hochgeschnellt sind. Die Bitkom-Studie zur Consumer Technology zeigt, dass 84 Prozent aller Nutzer gestreamte Videos auf dem Smartphone schauen. Selbst bei den über 75-Jährigen sind es 76 Prozent.
Gleichzeitig wächst die sogenannte Abo-Fatigue. Die Bereitschaft, monatlich für Streaming zu zahlen, ist zwar gestiegen, doch der fragmentierte Markt mit drei, vier oder mehr parallelen Abos erschöpft die Nutzer. Das ständige Abonnieren und sofortige Kündigen nach einer bestimmten Serie wird zur Routine.
Mikrodrama bietet eine Alternative. Statt monatlicher Fixkosten zahlen Nutzer nur für das, was sie tatsächlich sehen. Das Modell kommt aus der Gaming-Welt. Über In-App-Coins wird einzeln pro Episode bezahlt, die ersten Folgen sind kostenlos. Die globale Prognose für den Markt liegt bei über 26 Milliarden Dollar bis 2030.
BR und funk experimentieren bereits
Der Bayerische Rundfunk experimentiert mit dem Pionierformat „@iam.justmyself“ bereits seit längerer Zeit im vertikalen Erzählen. Die fiktionale Coming-of-Age-Geschichte wird tagesaktuell in der First-Person-Perspektive erzählt und baut eine Nahbarkeit auf, die klassische TV-Serien selten erreichen.
Redaktionen von ARD, ZDF und funk erzählen schon heute seriell in Social-Formaten. Von politischen Erklärreihen bis zu Personality-Formaten mit Spannungsbögen und Cliffhangern, wenn auch überwiegend nonfiktional. Private Sender und Marken testen Kurzformate auf YouTube und TikTok, oft zunächst als Marketingprojekt. Der Schritt zur fiktionalen, durchgeschriebenen Vertikalserie steht für die meisten deutschen Anbieter noch aus.
Neue Kompetenzen für ein neues Format
Produzentin Monika Raebel von 24 Frames Film machte bei einer Veranstaltung des MedienNetzwerk Bayern deutlich, dass es für Drehbuchschreiben und Produktion von Mikrodrama Weiterbildung braucht. Das Format erfordert eine eigene Dramaturgie. Der erste Satz muss sitzen, jede Episode endet mit einem Cliffhanger, die Kameraführung denkt konsequent im Hochformat.
Beim Thema KI bleibt Raebel skeptisch. Recherche und Ideenfindung ja, aber die Ergebnisse der Bewegtbild-KI-Tools seien „noch nicht überzeugend, ideenlos und überraschungsfrei“. Auch Fricks Produktion setzt auf klassische Methoden. LED Screen, echte Schauspieler, durchkomponierte Sets.
Für Vertical Minds ist die Produktionstechnik ein eigenständiges Thema. Die Gründer arbeiten laut eigenen Angaben an neu entwickelten Kameras für Hochkant-Motive, was darauf hindeutet, dass die etablierte Broadcast-Technik für das 9:16-Format noch nicht optimal aufgestellt ist.
Nachhaltigkeit und Regulierung als offene Fragen
US-Marktkenner Evan Shapiro rechnet vor, dass ReelShort-Betreiber Crazy Maple Studio bei 1,3 Milliarden Dollar Umsatz 2025 etwa gleich viel für Kundenakquise ausgegeben und einen Verlust von 500 Millionen Dollar eingefahren habe. Das Pay-per-View-Modell funktioniere bisher nur mit massiven chinesischen Investitionen.
Für den europäischen Markt stellen sich zusätzliche Fragen. Wie vereinbaren sich hochdynamische, stark emotionalisierende Formate mit Jugendschutz und Werberegulierung? Das Suchtpotenzial des Formats, das auf permanente Cliffhanger und schnelle emotionale Befriedigung setzt, könnte strengere Regulierung nach sich ziehen.
Die deutsche Filmwirtschaft agiert bisher oft abwartend, auch aus Sorge um den Ruf. Wer Vertical Drama als „billigen Snack fürs Hosentaschenfernsehen“ abtut, verpasst allerdings möglicherweise ein wichtiges Experimentierfeld für Stoffentwicklung. Erfolgreiche Charaktere und Plots könnten erst im Hochkant-Format getestet und später in Mediatheken oder auf Streaming-Plattformen verlängert werden.
Deutschland formiert sich auf breiter Front
Die vertikale Serie kommt nach Deutschland, und zwar nicht nur aus einer Ecke. In München drehen Independents wie SUPERAMA erste Pilotfolgen und Vertical Minds plant eine eigene Plattform. In Köln produziert mit Constantin Entertainment ein Schwergewicht der deutschen Unterhaltungsindustrie bereits für den internationalen Markt. In Leipzig liefert Saxonia Media vertikale Serien für die ARD. Und abseits der klassischen Medienbranche entdecken Unternehmen wie Superheldin das Format als Recruiting-Werkzeug.
Das MedienNetzwerk Bayern widmete dem Thema im März ein eigenes Event, die Medientage München planen für das MTM Special AI und MEDIA im April 2026 eine eigene Bühne. Die Dynamik beschränkt sich längst nicht mehr auf Bayern.
Entscheidend wird sein, ob der Markt hierzulande die richtigen Rahmenbedingungen findet. Die Produktionskosten sind im Vergleich zu klassischen Serien gering, die technische Infrastruktur ist vorhanden, und die Nutzungsgewohnheiten verschieben sich messbar Richtung Smartphone und Kurzformat. Was noch fehlt, ist die kreative Breite. Während in China Romance und Rache dominieren, könnte der deutsche Markt mit Genre-Vielfalt und kultureller Eigenständigkeit eine Nische besetzen, die sich von der globalen Konkurrenz unterscheidet.
Fricks Fazit bringt es auf den Punkt. „Wer hier früh versteht, wie Storytelling unter diesen Bedingungen funktioniert, hat einen echten Vorsprung.“