Marktanalyse: Mikrodrama in Taiwan: Zwischen lokaler Aufbruchstimmung und chinesischer Dominanz

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Taiwan ist ein interessanter Sonderfall im globalen Mikrodrama-Markt. Die Insel spricht Mandarin, konsumiert massenhaft Short-Video-Content, hat aber nur eine einzige lokale Plattform. Eine Analyse des Spannungsfeldes zwischen chinesischen Importen, regulatorischen Grauzonen und einem jungen Branchenverband, der das Format für Taiwan etablieren will.

Taiwan gehört zu den aktivsten Short-Video-Märkten Asiens. Laut verfügbaren Branchendaten konsumieren rund 80 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Kurzvideos, bei den 16- bis 25-Jährigen soll die TikTok-Nutzung zwischen 2019 und 2025 von 24 auf über 72 Prozent gestiegen sein. Die Voraussetzungen für einen florierenden Mikrodrama-Markt wären also gegeben. Trotzdem hat die Insel bislang nur eine einzige lokale Plattform, und die meisten verfügbaren Duanju stammen aus der Volksrepublik China. Das macht Taiwan zu einem Markt voller Widersprüche.

Eine Plattform gegen viele

Während in China hunderte Kurzdrama-Apps um Nutzer konkurrieren und der Markt dort laut Branchenschätzungen bereits auf rund 10 Milliarden US-Dollar taxiert wird, gibt es in Taiwan mit MeowShort genau einen lokalen Anbieter. Die App wird von Meow Media aus Taichung betrieben und vermarktet sich als „Taiwans einzige Kurzdrama-Plattform“. Das Unternehmen hat für 2025 die Produktion von rund 100 taiwanischen Originalserien angekündigt und bietet lokalen Creator-Teams über ein Co-Finanzierungsprogramm bis zu 70 Prozent der Produktionskosten. Die prominenten taiwanischen Entertainer Huang Guolun (Musiker und TV-Moderator) und Kou Naixin (Moderatorin und Autorin) haben in die Plattform investiert.

Daneben sind zahlreiche chinesische Apps über die taiwanischen App Stores verfügbar, darunter ReelShort, DramaBox und weitere. Es können in Taiwan mehr als ein Dutzend verschiedene Festland-Kurzdrama-Apps heruntergeladen werden können. Die meisten Inhalte auf diesen Plattformen sind chinesische Produktionen in vereinfachtem Chinesisch, was für das taiwanische Publikum mit seinen traditionellen Schriftzeichen eine sprachliche Hürde darstellt, die in der Praxis aber oft ignoriert wird.

Die regulatorische Grauzone

Taiwan hat bereits im Jahre 2020 chinesischen Streamingdiensten wie iQiyi und WeTV den direkten Markteintritt untersagt. Die Regierung begründete den Schritt mit rechtlichen und sicherheitspolitischen Bedenken gegenüber chinesischen OTT‑Diensten. In Taiwan wird das häufig im Zusammenhang mit Desinformation und sogenannten United‑Front‑Strategien Pekings diskutiert. Mikrodrama-Apps fallen allerdings nicht eindeutig unter diese Regulierung. Sie werden in den App Stores als Kurzvideo- oder Unterhaltungs-Apps gelistet, nicht als Streaming-Dienste. Das schafft eine Grauzone, in der chinesische Mikrodrama-Plattformen faktisch ungehindert taiwanische Nutzer erreichen.

Diese Situation spiegelt ein grundsätzliches regulatorisches Problem wider. Während Taiwan als liberale Demokratie großen Wert auf Pressefreiheit und offene Märkte legt, besteht gleichzeitig das politische Interesse, den kulturellen Einfluss der Volksrepublik zu begrenzen. Ob und wann die taiwanische Regierung die Regulierung auf Mikrodrama-Apps ausweitet, ist derzeit offen.

Branchenverband und erste Gehversuche

2025 wurde die Taiwan Mini Drama Association gegründet, ein Branchenverband mit dem Ziel, das lokale Kurzdrama-Ökosystem zu fördern. Der Verband setzt auf drei Säulen. Er betreibt Policy-Advocacy gegenüber der Regierung, fördert Nachwuchstalente für das Vertical Video-Format und vernetzt taiwanische Kreative international.

Die ersten taiwanischen Eigenproduktionen sind bereits angekündigt. Embrace You Through the Darkness gilt als Flaggschiff-Produktion von MeowShort und wurde auf dem ersten taiwanischen Short-Video-Summit vorgestellt. Als weitere Produktion ist eine weitere Horror-Vertikalserie angekündigt, die das Genre-Spektrum über die üblichen CEO-Romanzen hinaus erweitern soll.

Allerdings kämpft die taiwanische Branche mit einem Imageproblem. Viele lokale Kreative und Branchenbeobachter assoziieren das Vertikalformat mit billigem chinesischem Content und betrachten es als minderwertig gegenüber traditionellen Serienformaten. Ein viel diskutierter Essay auf der taiwanischen Plattform Vocus argumentiert, Taiwan verpasse durch diese Skepsis Chancen in einem Milliardenmarkt.

Einordnung und Ausblick

Der taiwanische Mikrodrama-Markt steht vor einer paradoxen Situation. Die Nachfrage nach Kurzvideos ist enorm, die Infrastruktur in Form von Smartphone-Durchdringung und Breitbandversorgung erstklassig, und mit der gemeinsamen Sprache mit Mainland China besteht ein natürlicher Zugang zu einem riesigen Content-Pool. Gleichzeitig fehlen lokale Produktionskapazitäten. Und die kulturelle Skepsis gegenüber dem Format bremst Investitionen.

Nach verbreiteten Branchenschätzungen, die je nach Quelle variieren, soll der globale Mikrodrama-Markt außerhalb Chinas von 2,7 Milliarden auf bis zu 9,4 Milliarden US-Dollar bis 2030 wachsen. Für Taiwan stellt sich die Frage, ob die Insel diesen Trend als Zuschauer verfolgt oder als Produzent mitgestalten wird.

MeowShort und die Taiwan Mini Drama Association sind erste Versuche, eigene Akzente zu setzen. Ob das reicht, um gegen die finanzstarke chinesische Konkurrenz zu bestehen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Taiwan könnte als mandarin-sprachige Demokratie mit eigener kultureller Identität eine Nische besetzen, die chinesische Anbieter nicht bedienen können. Lokale Geschichten, taiwanische Dialekte, gesellschaftliche Themen, die in der Volksrepublik der Zensur zum Opfer fallen würden, all das bietet Differenzierungspotenzial. Die Frage ist, ob genug Kapital und Talent mobilisiert werden, um diese Nische auch zu füllen.