Banijay steigt mit Projekten in Finnland und Spanien ins Mikrodrama-Geschäft ein

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Europas größtes Scripted-Studio Banijay Entertainment macht seinen bisher deutlichsten Schritt ins Mikrodrama-Format. In Finnland hat der öffentlich-rechtliche Sender YLE eine satirische Mockumentary bestellt, in Spanien entwickelt Banijay Iberia gleich drei Projekte mit Anime-Ästhetik und KI-Unterstützung. Die Ankündigung fiel auf der Series Mania in Lille.

Banijay Entertainment, nach eigenen Angaben Europas Nummer eins im Scripted-Bereich mit über 60 Labels und mehr als 100 Titeln pro Jahr, drängt ins Vertical Video-Format. Auf der Branchenmesse Series Mania in Lille stellte der Konzern gleich mehrere Mikrodrama-Projekte aus Finnland und Spanien vor, wie Deadline berichtet. Es dürfte einer der bisher umfassendsten Vorstöße eines europäischen Legacy-Studios in das Format sein.

Finnland. Satirische Mockumentary für YLE

Der finnische öffentlich-rechtliche Sender YLE hat bei Banijay Finland die Serie Survival Sisters bestellt, eine satirische Mockumentary in 20 Episoden zu je fünf Minuten. Die Serie spielt in einer fiktiven „Homefront Academy“, in der junge Frauen zu „guten Bürgerinnen“ ausgebildet werden sollen, und nimmt gesellschaftliche Erwartungen an Frauen mit scharfem Humor auseinander. Geschrieben hat die Serie die finnische Autorin Susanna Karttunen.

Das Produktionskonzept setzt auf ein Dual-Format. Jede Episode wird parallel im Breitbildformat für YLEs Streamingdienst YLE Areena und im Hochformat für die Social-Media-Kanäle des Senders produziert. Damit will Banijay Finland sowohl klassische Streaming-Nutzer als auch ein jüngeres, mobiles Publikum erreichen.

Minna Virkajärvi, Executive Producer bei Banijay Finland, erklärte gegenüber Deadline, die Serie sei „ein natürlicher Schritt, während wir ins Kurzformat und vertikale Formate expandieren“. Jüngere Zuschauer veränderten die Art, wie Inhalte konsumiert werden. Man wolle „Premium-Storytelling liefern, ohne Anspruch oder Qualität zu opfern“.

Teija Rantala, bei YLE zuständig für Kinder- und Jugendprogramm, betonte die thematische Relevanz der Serie. Die Stimmung in Finnland sei unsicherer geworden, junge Erwachsene fragten sich, welchen Herausforderungen ihre Generation begegnen müsse. Die Serie frage mit „scharfem, warmherzigem Humor“, was es bedeute, in einer Zeit oft überwältigender Debatten eine gute Frau zu sein.

Spanien. Drei Projekte mit Anime und KI

Auch Banijay Iberia steigt ins vertikale Erzählen ein und entwickelt laut Señal News gleich drei Mikrodrama-Projekte. F**cking Honeymoon wird als Romantic Comedy beschrieben, in der ein romantischer Urlaub im Chaos endet. Fortu & Jazz adaptiert einen Klassiker der spanischen Literatur für ein modernes Publikum. Das dritte, noch unbetitelte Projekt bewegt sich im Anime-Genre.

Alle drei Produktionen nutzen eine Mischung aus Live-Action, Anime-inspirierten Visuals und KI-gestützten Kreativtools. Sie werden von Anfang an für das Hochformat konzipiert, also für die mobile Nutzung auf Smartphones und Social-Media-Plattformen.

Pilar Blasco (CEO von Banijay Iberia) erklärte laut Deadline, kreative Innovation stehe immer im Zentrum des Unternehmens. Die Projekte gäben den Teams die Möglichkeit, „Grenzen in neue Formen des Erzählens zu verschieben“. Man könne so „neue Franchises aufbauen und Premium-Inhalte im Mikroformat liefern, ohne die Qualität zu opfern, für die wir bekannt sind“.

Dezentrale Strategie statt Konzernvorgabe

Finnland und Spanien sind nicht die ersten Banijay-Töchter im Mikrodrama-Bereich. Bereits zuvor hatten Endemol Shine Brasil und A Fábrica eine Partnerschaft für vertikale Mikrodramen in Brasilien geschlossen.

Steve Matthews, Head of Scripted bei Banijay Entertainment, erklärte laut C21Media auf einem Panel in Lille, dass es bei Banijay keine zentrale Mikrodrama-Strategie gebe. Stattdessen lasse man die einzelnen Labels weltweit mit dem Format experimentieren, wie es für den jeweiligen Markt sinnvoll sei.

Dieser dezentrale Ansatz unterscheidet Banijay von Unternehmen wie ReelShort oder DramaBox, die als spezialisierte Plattformen mit standardisierten Formaten arbeiten. Banijay setzt auf lokale Geschichten für lokale Märkte, produziert aber mit dem Qualitätsanspruch eines Studios, das jährlich über 100 Scripted-Titel herstellt.

Europas Mikrodrama-Debatte spitzt sich zu

Die Ankündigungen fielen in eine Woche, in der Mikrodramen auf der Series Mania intensiv diskutiert wurden. Nicht alle Stimmen waren positiv. Nadine Marsh-Edwards (Regisseurin und Executive Producer bei Greenacre Films) sagte laut C21Media, sie sei „schockiert“ über den Standard des Storytellings auf vielen Mikrodrama-Apps, die sich stark auf KI stützten. Sie forderte staatlich geförderte Fonds, um die Standards in der Branche zu heben, und rief Sender und Produzenten auf, schneller in das wachsende Format einzusteigen.

Genau hier könnte Banijays Einstieg Signalwirkung entfalten. Wenn eines der größten Produktionshäuser Europas Ressourcen, etablierte Autoren und bewährte Produktionsstrukturen ins Mikrodrama-Geschäft einbringt, setzt das einen anderen Maßstab als die auf Masse ausgelegten Bibliotheken der App-Plattformen. Ob sich Qualitätsproduktionen im Vertikalformat wirtschaftlich tragen, muss sich allerdings erst noch zeigen.