Ex-Channel-4-Chefin Caroline Hollick: Vertikaldramen könnten Soaps als Talentschmiede ablösen

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Die frühere Channel-4-Dramachefin Caroline Hollick sieht in vertikalen Kurzdramen einen möglichen Ersatz für Soaps als Ausbildungsort für junge Talente. Auf der Series Mania in Lille forderte sie die Branche auf, das Format ernst zu nehmen und diverser zu besetzen.

Vertikale Kurzdramen könnten bald die Rolle übernehmen, die Seifenopern jahrzehntelang für den britischen Fernsehnachwuchs gespielt haben. Das ist die zentrale These von Caroline Hollick (It's a Sin, Happy Valley), die bis 2024 als Head of Drama beim britischen Sender Channel 4 für Serien wie Help und The Gathering verantwortlich war. Auf einem Panel bei der Series Mania in Lille argumentierte Hollick, dass günstiger produzierte Vertikaldramen einen leichteren Einstieg für aufstrebende Autorinnen und Autoren bieten könnten, während klassische Soaps und Reihen in Großbritannien immer weiter zurückgefahren werden.

Hollick, die heute als Senior VP International bei Peter Chernins Produktionsfirma The North Road Company arbeitet, kennt beide Seiten. Bei Channel 4 setzte sie 50 Prozent weibliche Kreative durch. Dass dieser Fortschritt in der aktuellen Sparphase wieder verloren gehen könnte, treibt sie um.

Soaps verschwinden, Vertikaldramen wachsen

Der Hintergrund ihrer These ist ein struktureller Wandel in der britischen TV-Landschaft. Soaps wie Hollyoaks wurden eingestellt oder stark gekürzt, die Budgets für Reihen schrumpfen. Gleichzeitig wächst das Mikrodrama-Segment weltweit mit hoher Geschwindigkeit. Hollick sieht darin eine Chance, weil die niedrigeren Produktionskosten von Vertikalserien es einfacher machen, Newcomer an verantwortliche Positionen zu setzen.

Dass das Kurzformat als Karrieresprungbrett funktionieren kann, ist kein theoretisches Argument. Hollick verwies auf das Beispiel von Issa Rae (Insecure), die mit der Web-Serie The Misadventures of Awkward Black Girl auf YouTube begann und sich von dort aus zur Produzentin und Schauspielerin auf HBO-Niveau entwickelte. „Wir müssen davon lernen und aufhören, Remakes von Jane Austen zu drehen“, sagte Hollick laut einem Bericht von Deadline. „Es liegt an uns als Legacy Media, ein Stück weit aufzuholen.“

Stereotypen im Mikrodrama, aber Besserung in Sicht

Das Panel bei der Series Mania widmete sich auch der Frage, ob Mikrodramen negative Stereotypen verstärken. Hollick zeigte sich hier gelassener als erwartet. Sie verglich die aktuelle Lage mit dem Slasher-Horror der 1980er Jahre, der damals für seine klischeehafte Darstellung von Frauen und Minderheiten kritisiert wurde. Aus diesem Genre seien mit der Zeit differenziertere Filme wie The Babadook, Get Out und Sinners hervorgegangen. „Das hat 40 Jahre gedauert, und ich glaube, dass Mikrodramen schon jetzt repräsentativer werden“, sagte sie.

Andere Stimmen auf dem Panel waren kritischer. Elizabeth Le Hot, CEO der französischen Künstlerorganisation Adami und Autorin eines Berichts über KI für das französische Kulturministerium, warnte davor, dass „KI Stereotypen in massivem Ausmaß verstärkt“. Die verwendeten Modelle basierten auf jahrzehntealten, voreingenommenen Darstellungen und reproduzierten diese, statt sie zu hinterfragen.

Die BAFTA-nominierte Produzentin Nadine Marsh-Edwards (Riches) forderte höhere Standards von der gesamten Branche. „Wir müssen Leute darauf ansprechen, wenn sie Dinge produzieren, die unangemessen sind“, sagte sie. Wenn Zuschauer bestimmte Formate nicht mehr einschalteten, würden diese auch nicht mehr produziert.

Warum das auch den Mikrodrama-Markt betrifft

Hollicks Aussagen dürften aus mehreren Gründen relevant für den wachsenden Mikrodrama-Markt sein. Erstens kommt die Beobachtung von einer erfahrenen Branchenführerin, die selbst erfolgreiche Serien verantwortet hat, nicht von einer Startup-Gründerin mit Eigeninteresse. Zweitens findet die Diskussion auf der Series Mania statt, einem der wichtigsten europäischen Fachfestivals für Serienformate. Das zeigt, dass vertikale Kurzdramen in der traditionellen TV-Branche angekommen sind.

Drittens adressiert Hollick ein echtes Problem. Plattformen wie ReelShort oder DramaBox produzieren Hunderte Serien pro Jahr und brauchen dafür Kreative, Regisseure und Darstellerinnen. Wenn etablierte Sender gleichzeitig ihre Nachwuchsprogramme zusammenstreichen, entsteht eine Lücke, die das vertikale Format füllen könnte. Ob die Arbeitsbedingungen in der Mikrodrama-Produktion mit denen einer klassischen Soap vergleichbar sind, bleibt allerdings eine offene Frage. Die kurzen Drehzeiten und niedrigen Budgets, die den Einstieg erleichtern, können auch bedeuten, dass weniger Zeit für Mentoring und Entwicklung bleibt.

Hollicks Fazit ist trotzdem klar. „Ich bin absolut dafür, Talente in einem Format zu fördern, das junge Menschen tatsächlich schauen.“