Vertikale Serien: Warum klassische Filmemacher am Smartphone-Format scheitern
Filmemacher und muVpix-Gründer John Lewis erklärt im Interview mit Real Reel, warum vertikale Serien nicht einfach zurechtgeschnittene Filme sind. Das Format verlangt eigene Erzählstrukturen, ein anderes Drehtempo und Autoren, die für den kleinen Bildschirm denken.
Vertikale Kurzserien boomen, doch viele Profis aus der traditionellen Film- und Fernsehbranche unterschätzen, wie grundlegend sich das Format vom klassischen Filmemachen unterscheidet. Das zeigt ein aktuelles Interview der Branchenpublikation Real Reel mit John Lewis, dem Gründer der Mikrodrama-Plattform muVpix. Lewis arbeitet als Schauspieler und Produzent und dreht nach eigenen Angaben weiterhin jedes Jahr Spielfilme. Doch die Ökonomie des Vertical Video-Formats hat ihn überzeugt, parallel eine eigene Plattform aufzubauen.
Kein zurechtgeschnittenes Kino
Der zentrale Punkt in Lewis' Argumentation ist klar formuliert. „You can't just take a movie and cut it into 90-second pieces. If you try to do that, you lose the audience immediately“, sagte er im Interview. Vertikales Storytelling verlange eine eigene Erzählstruktur, bei der jede Episode einen Cliffhanger oder zumindest einen Grund liefern muss, die nächste Folge anzuschauen. Komplexe Nebenhandlungen, wie sie im traditionellen Film üblich sind, funktionieren im Vertikalformat nicht. Statt paralleler A-, B- und C-Handlungsstränge müsse der Fokus auf einem einzigen Erzählstrang liegen, den die Zuschauer jederzeit nachvollziehen können.
Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird aber in der Branche noch immer unterschätzt. Viele etablierte Drehbuchautoren und Regisseure melden sich bei Lewis und verweisen auf ihre Referenzen im Film- und Fernsehbereich. Seine Reaktion fällt nüchtern aus. Wer auf klassische Credits verweise, habe das Format vermutlich noch nicht verstanden. Auch bei der Regie gelten andere Gesetze. Während im traditionellen Film fünf Seiten Drehbuch pro Drehtag als gute Leistung gelten, hat Lewis bei einem seiner Vertikalprojekte an einem Tag 22 Seiten abgedreht. Das erfordert ein völlig anderes Verständnis davon, welche Szenen Zeit verdienen und welche nicht.
Die Ökonomie spricht für das Format
Lewis vergleicht die Kosten direkt. Ein solider Thriller oder Horrorfilm auf dem Niveau eines Blumhouse-Titels koste rund fünf Millionen Dollar. Für weniger Geld lassen sich mehrere vertikale Serien produzieren und vermarkten. Das Verhältnis zwischen Investition und möglichem Ertrag verschiebt sich damit deutlich zugunsten des kurzen Formats. Diese Rechnung stützen auch die Marktzahlen. Der US-Mikrodrama-Markt generierte laut der Streaming-Beratungsfirma Owl & Co im Jahr 2025 insgesamt 1,3 Milliarden Dollar Umsatz.
Dabei ist das Format nicht ohne Risiko. Das prominenteste Gegenbeispiel bleibt Quibi, die 2020 gestartete Mobile-Streaming-Plattform von Jeffrey Katzenberg und Meg Whitman. Quibi sammelte fast zwei Milliarden Dollar ein und scheiterte nach nur sechs Monaten. Der Hauptfehler, wie Google-Manager Juanjo Duran es kürzlich auf der SXSW formulierte, lag darin, den Content identisch zu behandeln und lediglich das Seitenverhältnis zu ändern. Die Plattform bot im Kern traditionelle Inhalte in neuem Gewand, statt eigene Erzählformate für den kleinen Bildschirm zu entwickeln.
Was Lewis von Quibi unterscheidet
Genau hier setzt Lewis' Philosophie an. Sein Einstieg in die Branche begann nicht mit einer Investorenpräsentation, sondern mit einer persönlichen Erfahrung als Zuschauer. Beim Scrollen auf dem Smartphone stieß er auf eine chinesische Vertikalserie, die in einer Burg spielte. Die Geschichte war simpel, ein Mann zieht in den Krieg und kehrt als Kaiser zurück, doch Lewis wollte wissen, wie es weitergeht. „If I'm feeling that as a viewer, and also as a filmmaker, then a lot of other people must be feeling it too“, erklärte er seinen Antrieb.
Der Unterschied zu Quibi liegt im Ansatz. Lewis behandelt vertikales Storytelling nicht als komprimiertes Kino, sondern als eigenständige Erzählmaschine mit eigenen Regeln. Ob muVpix damit Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Doch die wachsende Zahl an Plattformen, von ReelShort über ShortMax bis Verza TV, zeigt, dass der US-Markt für Mikrodramen gerade erst richtig Fahrt aufnimmt. Lewis' Interview liefert einen nüchternen Blick auf die handwerklichen Anforderungen, die das Format an Kreative stellt.