Vertikales Fernsehen auf dem Vormarsch im Westen

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Rund 28 Millionen US-Erwachsene schauen bereits Mikrodramen. Ein Porträt des wachsenden westlichen Markts zeigt, warum das Format vor allem Frauen mittleren Alters anspricht und weshalb Branchenbeobachter von einem bevorstehenden Streaming-Krieg sprechen.

Jen Cooper war auf TikTok, als eine Werbung für ReelShort auftauchte. Die 45-jährige Mutter aus dem Vereinigten Königreich lud die App herunter, schaute eine Episode und war sofort gefangen. Heute betreibt sie den Fanblog Vertical Drama Love, vergibt jährlich Mikrodrama-Awards und führt Umfragen unter Fans durch. Ihr Weg von der Zufallsklick-Zuschauerin zur Vollzeit-Betreiberin einer Fanseite illustriert, welche Sogwirkung das Format entwickeln kann.

Ein Markt zwischen Suchtpotenzial und Wachstum

Mikrodramen funktionieren nach einem einfachen Prinzip. Jede Episode dauert maximal zwei Minuten, jede endet mit einem Cliffhanger, und die Gesamtserie umfasst oft bis zu 100 Folgen. Die Produktionskosten liegen zwischen 100.000 und 300.000 Dollar pro Serie — ein Bruchteil dessen, was ein Hollywood-Romanzenfilm wie das Kinostück Eternity mit rund 12 Millionen Dollar Budget kostet. In China, wo das Format seinen Ursprung hat, sahen sich 576 Millionen Zuschauer im Jahr 2024 Mikrodramen an — das entspricht einem Marktvolumen von fast 7 Milliarden Dollar, mehr als der gesamte chinesische Kinoeinspieler desselben Jahres.

Im Westen ist das Format noch dabei, sich zu etablieren. Rund 28 Millionen US-Erwachsene schauen Mikrodramen. Die Hauptzielgruppe besteht laut einer Umfrage unter mehr als 1.600 Zuschauern zu über der Hälfte aus Frauen zwischen 35 und 54 Jahren. Viele dieser Zuschauerinnen sind langjährige Leserinnen von Liebesromanen mit vertrauten Tropen wie dem reichen CEO, dem Aschenputtel-Motiv oder der verbotenen Liebe. Genau diese Plots füllen die Kataloge von ReelShort und DramaBox, den beiden meistgenutzten Plattformen in den USA.

Zwischen Quibi-Trauma und neuem Optimismus

Das westliche Publikum wurde schon einmal mit einem ähnlichen Konzept konfrontiert. 2020 startete DreamWorks-Mitgründer Jeffrey Katzenberg die App Quibi mit Inhalten in 5 bis 10 Minuten Länge, produziert von Größen wie Steven Spielberg und Guillermo del Toro. Das Ergebnis war ein spektakulärer Misserfolg. Trotz knapp 2 Milliarden Dollar Finanzierung scheiterte Quibi noch im Jahr seines Launches. Der Unterschied zu heutigen Mikrodramen liegt im Geschäftsmodell. Apps wie DramaBox und ReelShort setzen nicht auf teure Produktionen, sondern auf serielle Spannung und niedrige Einstiegshürden. Die ersten Episoden sind kostenlos, dann greift eine Zahlungsschranke. Für manche Zuschauenden summieren sich die Ausgaben schnell. Erin Gross, eine Nutzerin aus New York, berichtete dem Magazin World, dass sie sich ein Wochenlimit von 60 Dollar setzen musste.

George Huang, Professor an der UCLA School of Theater, Film and Television, sieht das Format auf dem Weg in den Mainstream. Er ist überzeugt, dass Mikrodramen künftig gleichberechtigt neben Kino und Fernsehen stehen werden. Die Frage sei nicht, ob eine US-amerikanische Plattform den Markt für westliche Zuschauer erschließen werde, sondern welche zuerst.

SAG-AFTRA öffnet die Tür für Hollywoodtalent

Ein struktureller Wandel könnte dem Format helfen, das Nischenimage abzustreifen. Im Oktober 2025 schloss die Gewerkschaft SAG-AFTRA ein sogenanntes Verticals Agreement, das Produktionen mit einem Budget von unter 300.000 Dollar abdeckt. Mikrodrama-Unternehmen können damit erstmals regulär bei der Gewerkschaft registrierte Schauspielerinnen und Schauspieler engagieren. In Los Angeles wird bereits für vertikale Formate gedreht und produziert, während andere Bereiche der Filmbranche kämpfen.

Ob Mikrodramen also nur ein kurzlebiger Trend für eine bestimmte Demografiegruppe bleiben oder ein dauerhaftes Medium werden, ist noch offen. Jen Cooper, die das Genre täglich begleitet, glaubt, dass das Format seine raue Ecke verlassen wird. Sie ist überzeugt, dass Mikrodramen langfristig einen festen Platz neben Kino und Fernsehen einnehmen werden als eine eigene Art, Geschichten zu konsumieren.

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