Mikrodrama-Produktion in Kanada: Neue Jobs, offene Fragen bei Vergütung und Vielfalt
Kanada etabliert sich als Produktionsstandort für vertikale Mikrodramen. Schauspieler finden neue Beschäftigung, doch Gewerkschaften mahnen fehlende Tarifverträge an und Fans beklagen mangelnde Diversität.
Jennifer Cooper entdeckte ihr erstes Mikrodrama beim Scrollen durch TikTok. Eine Werbung für eine melodramatische Serie legte die Prämisse in Sekunden dar. Eine Frau rächt sich an ihrem untreuen Freund und einer gemeinen Familie, indem sie dessen reichen Onkel verführt. Cooper, die zuvor chinesische Langformat-Dramen geschaut hatte, sah alle kostenlosen Episoden durch und bezahlte schließlich, um das Ende zu erfahren. Heute betreibt sie einen eigenen Kanal, auf dem sie Mikrodramen bespricht und bewertet.
Ihre Geschichte steht exemplarisch für ein Phänomen, das sich von Asien aus weltweit verbreitet und nun auch Kanadas Filmbranche erfasst hat. Vertikale Kurzserien, auf Englisch als Microdramas oder Verticals bezeichnet, werden in ein- bis zweiminütigen Episoden direkt auf das Smartphone geliefert. Was in China zum Milliardengeschäft geworden ist, findet jetzt auch in Nordamerika Produzenten, Schauspieler und Zuschauerinnen.
Kanada als aufkommender Produktionsstandort
In Kanada sind inzwischen mehrere Produktionsfirmen in der Vertikalbranche aktiv. Ottawood Film Studios, ein Unternehmen aus Toronto, produziert Mikrodramen für den englischsprachigen Markt. CEO Tim Zhou nennt das Format schlicht die „Zukunft“ und erklärt, dass das Wachstum nur in die richtige Richtung weisen müsse. „Vertical is going to be a huge opportunity when it comes to the entertainment industry.“
Regisseurin Samantha MacAdams, die zuvor ein Jahrzehnt lang Werbespots und TV-Shows gedreht hatte, entschied sich ebenfalls für einen Schritt in Richtung Mikrodrama, weil das Format nach ihrer Beobachtung „Hollywood übernimmt.“ „The eyeballs are going there,“ sagt MacAdams. Besonders die jüngere Generation, die viele Inhalte auf dem Smartphone konsumiert, treibe diesen Wandel voran.
Für Schauspieler wie Evan Bacic hat das Format praktische Konsequenzen. Seit seinem ersten Auftritt in einem Mikrodrama im Juni 2024 hat er an 38 Produktionen mitgewirkt und konnte dadurch erstmals von der Schauspielerei allein leben. Auf klassischen Drehtagen werden wenige Seiten Drehbuch verfilmt, Bacic berichtet von Tagen mit zwanzig gedrehten Seiten. „These verticals just go, go, go,“ sagt er. Das Tempo sei intensiv, aber es gebe schlicht deutlich mehr Arbeit als in der Werbe- und Hintergrunddarstellung, auf die er sich zuvor verlassen hatte.
Gewerkschaften und die Frage der Arbeitsbedingungen
Die meisten dieser Produktionen laufen bisher ohne Tarifvertrag ab. Das bedeutet, dass Löhne, Sicherheitsstandards auf dem Set und der Schutz minderjähriger Darsteller weniger geregelt sind als in der klassischen Film- und Fernsehproduktion.
Kate Ziegler, Präsidentin von ACTRA Toronto (der Gewerkschaft für Rundfunk- und Filmschauspieler im Großraum Toronto), sieht darin eine zentrale Herausforderung. „Any worker that's involved in those productions has to have some way to access the revenue that is generated,“ betont sie. Die Gewerkschaft hat deshalb ein Pilotprojekt aufgelegt, das Mindestgagen für Mikrodrama-Drehtage festlegt und Regeln für den Einsatz von Stunt- und Intimacy-Koordinatoren sowie für die Beschäftigung minderjähriger Darsteller enthält. Bislang hat erst eine Produktion das Programm durchlaufen. Ziegler zeigt sich dennoch optimistisch. Wenn vertikale Produzenten die Zugänglichkeit des Tarifvertrags und den damit verbundenen Zugang zu qualifiziertem Talent erkennen, hofft sie, dass die Branche mehr Schutzmechanismen einführen wird.
Diversität, Klischees und Qualitätsdebatte
Neben den Arbeitsbedingungen gibt es weitere offene Punkte. Cooper, die das Format als Zuschauerin liebt, kritisiert fehlende Vielfalt im Casting. „It's very white,“ sagt sie. Zudem beobachtet sie, dass manche Produktionen bei der Darstellung von Nebenfiguren auf stereotype Klischees zurückgreifen, was sie als „hugely problematic“ bezeichnet. Das Streben nach sozialer Aufmerksamkeit auf Plattformen wie TikTok dränge einige Produzenten zu reißerischen Details statt zu differenzierten Geschichten.
Zhou räumt ein, dass die Qualitätskritik nicht unberechtigt ist, ordnet sie aber historisch ein. Da das Format so neu sei, brauche die Branche Zeit, um Autoren und Regisseure im vertikalen Schreiben und Inszenieren auszubilden. Dieses Argument kennt man aus der Frühgeschichte anderer Medien. Wie wir in unserem Beitrag über das Storytelling-Design von Mikrodramen beschrieben haben, ist das Format stark auf psychologische Mechanismen ausgerichtet, die schnelles Engagement erzeugen. Qualität im klassischen Sinne ist dabei nicht immer das primäre Ziel.
Globaler Kontext und die Rolle von Hollywood
Dass das Format ernstgenommen wird, zeigen Deals auf der höchsten Branchenebene. Fox hat eine Partnerschaft mit dem ukrainisch-amerikanischen Mikrodrama-Anbieter Holywater geschlossen. DramaBox erhielt Investment und Partnerangebote über das Accelerator-Programm von Disney. Elaine Low, TV-Journalistin und Marktbeobachterin, stellt fest, dass die Branche in Nordamerika erst seit etwa eineinhalb Jahren richtig Fahrt aufnimmt, während sie in Asien schon länger robust aufgestellt ist. Wie dominant China in diesem Segment ist, lässt sich an den Zahlen ablesen. Die chinesische Mikrodrama-Industrie erwirtschaftete 2024 rund sieben Milliarden US-Dollar und übertraf damit das inländische Box-Office-Ergebnis. Global wird der Markt bis 2030 auf 9,5 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Kanada steht in diesem Gefüge noch am Anfang. Die Produktionsdichte wächst, die Arbeitsbedingungen sind im Fluss, und das kreative Potenzial ist unbestritten. Ob „Hollywood North“ zu einem relevanten Mikrodrama-Zentrum wird, hängt davon ab, ob die Branche Qualität, faire Arbeitsbedingungen und Diversität als strategische Investitionen begreift und nicht als nachrangige Details.