„Klebt euch aneinander”: Wie philippinische Schauspielerinnen das Vertikalformat meistern
Große Emotionen, keine Bewegungsfreiheit. Drei philippinische Schauspielerinnen beschreiben, wie das 9:16-Format ihren Beruf auf den Kopf stellt und warum sie trotzdem davon fasziniert sind.
Große Emotionen, wenig Platz. Wer bisher nur für Film und Fernsehen gespielt hat, merkt beim ersten Mikrodrama-Dreh schnell, dass die Regeln sich geändert haben. Das Vertical Video-Format zwingt Darstellerinnen in ein enges Portrait-Bild, in dem übliche Bewegungsabläufe schlicht nicht mehr funktionieren. Drei philippinische Schauspielerinnen erklären gegenüber dem Inquirer, was das konkret bedeutet.
Das 9:16-Problem
Das Hochformat-Verhältnis von neun zu sechzehn ist das technische Fundament des Mikrodrama-Booms. Es passt auf jeden Smartphone-Bildschirm, der hochkant gehalten wird, aber es verändert alles an der Kameraarbeit. Wo klassisches Fernsehen mit weiten Totalen, Schwenks und physischen Ausbrüchen arbeitet, ist im Vertikalformat kaum Platz für mehr als zwei Gesichter nebeneinander.
Ryza Cenon, bekannt aus philippinischen Telenovelas und Filmen wie Lipad, Munting Lipad, Hauptdarstellerin der Viva Movie Box-Produktion Inagaw na Anak, beschreibt das Resultat trocken. „Die Bewegungsfreiheit ist so eingeschränkt, dass man wirklich eng beieinandersteht. Die Gesichter sind so nah beieinander, dass es manchmal unangenehm wirkt, aber wenn man die Szene dann sieht, passt es genau.“
Louise Delos Reyes (aus der ABS-CBN-Serie Got to Believe und dem Film Para sa Hopeless Romantic), die in She's Not My Sister zu sehen ist, bringt das Dilemma auf den Punkt. Kampfszenen, Ohrfeigen, Schreien, das gehört alles zum Mikrodrama-Repertoire. Aber jede Bewegung muss kontrolliert bleiben. „Du musst immer wissen, wo die Kamera ist, und aufpassen, dass du nicht aus dem Bild fällst.“
Emotion ohne Körper
Was wegfällt, muss anderswo gewonnen werden. Ohne negativen Raum, ohne die Möglichkeit zu großen Gesten, wandert die gesamte schauspielerische Energie in Augen und Stimme. Das klingt nach einer Einschränkung, ist aber letztlich eine andere Anforderung.
Mikrodramen sind, wie Delos Reyes formuliert, Telenovelas auf Steroiden. Weil jede Episode bei drei Minuten endet, besteht jede Szene quasi aus Höhepunkten. Jede Folge ist auf einen Cliffhanger ausgerichtet, der die Zuschauerin sofort zur nächsten Episode zieht. Wer diese Dramaturgie kennt, versteht, warum selbst ein Seufzer übertrieben groß klingen muss. „Selbst Ausdrücke wie ein tiefer Atemzug müssen laut und exaggeriert sein“, so Delos Reyes.
Rhen Escaño (bekannt aus der Serie Ang Probinsyano und diversen primetime-Formaten), die in Akin Ka Lang spielt, zieht einen ungewöhnlichen Vergleich. Das Format erinnere sie an die Radiodramen früherer Generationen. Die Botschaft muss klar und unmittelbar transportiert werden, ohne visuelle Zweideutigkeit. „Wenn du es gewohnt bist, hundert Prozent zu geben, musst du hier 150 Prozent geben.“
Neues Publikum, neue Chancen
Alle drei Darstellerinnen haben längst etablierte Karrieren. Dass sie sich trotzdem auf das neue Format einlassen, hat einen pragmatischen Grund. Mikrodramen erreichen ein Publikum, das klassisches Fernsehen längst nicht mehr einschaltet. Menschen in Wartezimmern, im Stau, in der Pause. „Fast alle sind jetzt am Telefon. Wir können einen größeren Markt erreichen“, sagt Delos Reyes.
Escaño kam durch Zufall zu Mikrodramen. Sie stieß auf die virale philippinische Vertikalserie The Kaplan Heiress und hatte sie schon durchgeschaut, bevor sie es richtig bemerkte. Das Erlebnis des ungewollten Binge-Watching beschreibt sie selbst als Weckruf für das Potenzial des Formats.
Die Philippinen gehören zu den am schnellsten wachsenden Mikrodrama-Märkten in Südostasien, wie wir bereits in unserem Bericht zur Mikrodrama-Welle auf den Philippinen beschrieben haben. Chinesische Plattformen drängen in die Region, philippinische Produktionshäuser wie Viva ziehen nach. Für Schauspielerinnen wie Cenon, Delos Reyes und Escaño bedeutet das nicht das Ende klassischer Unterhaltungsformate, aber eine deutliche Erweiterung. Die Kinoleinwand verteidigen sie, während sie gleichzeitig lernen, in einem 6-Zoll-Hochformat zu performen.