KI-Mikrodramen statt Bücher? Harlequins umstrittener Kurswechsel

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Der Romanverlag Harlequin will 40 Liebesromane als KI-animierte Mikrodramen umsetzen. Autorinnen und Literaturkritiker laufen Sturm, weil sie weder gefragt noch einbezogen wurden. Eine Analyse der Debatte und ihrer Bedeutung für die Mikrodrama-Branche.

Der Romanverlag Harlequin hat mit seinem KI-Mikrodrama-Deal eine Debatte ausgelöst, die weit über das eigene Unternehmen hinausgeht. Nachdem der Verlag am 31. März eine Partnerschaft mit dem indischen KI-Unternehmen Dashverse angekündigt hatte, meldeten sich Autorinnen, Branchenbeobachter und Literaturkritiker mit scharfer Kritik zu Wort. Im Zentrum steht die Frage, ob Verlage ihre Autorinnen umgehen dürfen, wenn sie deren Werke in neue Formate überführen.

MIKRODRAMA.de hatte bereits über den Deal berichtet: Liebesromane als Kurzserien: KI-Experiment mit 40 Titeln gestartet

Was Harlequin angekündigt hat

Harlequin, eine Tochter von HarperCollins, will gemeinsam mit Dashverse 40 animierte Mikrodramen produzieren, die auf Titeln aus dem Romance-Katalog basieren. Die Serien werden mit Hilfe von Dashverses Produktionsplattform Frameo erstellt und über globale Mikrodrama-Plattformen vertrieben, darunter Dashverses eigene App DashReels. Harlequin-Publisher Brent Lewis erklärte gegenüber, die Autorinnen würden Tantiemen aus den Videos erhalten, die über Werbung und Abonnements monetarisiert werden. Über die konkreten Konditionen schwieg Lewis jedoch.

Die Kritik aus der Buchbranche

Die schärfste Reaktion kam von Maris Kreizman (Essayistin und ehemalige Gastgeberin des Podcasts The Maris Review). In einem vielbeachteten Essay auf dem Literaturportal Literary Hub schrieb sie, die Mikrodrama-Adaptionen gehörten „zu den Bergen und Bergen von KI-generierten Produkten, die niemand wirklich will und die Autorinnen nie verlangt haben“. Kreizmans Kritik richtet sich dabei nicht gegen das Mikrodrama-Format an sich, sondern gegen die Art und Weise, wie der Deal zustande kam.

Laut Kreizman wurden die betroffenen Autorinnen vor der Ankündigung nicht konsultiert. Es habe keine Möglichkeit zum Opt-out gegeben. Medienberichten zufolge wollte Lewis konkrete Fragen zu den Vertragsdetails nicht beantworten. Für Kreizman ist das ein Muster, das sich bei vielen KI-Projekten wiederholt. Konzernentscheider treiben Projekte voran, ohne die Zustimmung derjenigen einzuholen, deren Arbeit die Grundlage bildet.

Der Vorwurf wiegt schwer, weil Harlequin gleichzeitig an anderer Stelle spart. Nur wenige Wochen vor dem Dashverse-Deal hatte der Verlag seine fast 40 Jahre alte Historical-Romance-Linie eingestellt, wie Reactor berichtete.

Kreizman fragt daher, ob das Geld für KI-Experimente nicht besser in Lektorat, Marketing und Vertrieb fließen sollte, statt in Technologie, die sich noch beweisen muss.

Gescheiterte Verlagsexperimente als Warnung

Kreizman stellt den Harlequin-Deal in eine Reihe früherer Verlagsinitiativen, die ähnlich ambitioniert starteten und leise verschwanden. In den 2010er-Jahren versprachen Hunderte Startups, das Verlagswesen zu „disrupten“, wie Kreizman schreibt. Keines davon hat das Versprechen eingelöst. „Enhanced E-Books“ mit interaktiven Elementen waren kurzzeitig in Mode, ebenso wie Buchtrailer, die neue visuelle Zugänge zu Romanen schaffen sollten. Beide Formate haben sich nicht durchgesetzt.

Das Argument dahinter ist nachvollziehbar. Verlage jagen regelmäßig technologischen Trends hinterher, statt sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Wenn ein Romance-Genre boomt und Harlequin mit der Reihe Heated Rivalry gerade New-York-Times-Bestseller produziert, dann wünschen sich die Leserinnen vor allem eines, so Kreizman. Die Bücher sollen in den Läden verfügbar sein. Immerhin gibts zur [linmk=https://www.serienjunkies.de/heated-rivalry/,Eishockey-Romanze eine fiktionale Serie] bei HBO Max.

Was die Debatte für die Mikrodrama-Branche bedeutet

Die Kritik an Harlequin offenbart ein grundsätzliches Spannungsfeld, das auch für die Mikrodrama-Branche relevant ist. Mikrodramen basieren zunehmend auf bestehenden literarischen Vorlagen, vor allem auf Webnovel-Adaptionen chinesischer Plattformen wie Dreame und GoodNovel. Die Frage, wie Autorinnen beteiligt und einbezogen werden, stellt sich hier genauso. Mainland China kann man ja vieles vorwefen, dass sie auf internationales Urheberrecht achten, zählt aber definitiv nicht dazu.

Dashverse-CEO Sanidhya Narain erklärte gegenüber Publishers Weekly, die mächtigsten Geschichten der Welt existierten bereits und müssten nur „auf neue Weise erlebt werden“.

Kreizman kontert, dass Verlage nicht gleichzeitig KI als Bedrohung für die Textqualität ihrer Bücher behandeln und als Schlüssel zur Erschließung neuer Formate vermarkten können.

Für die Mikrodrama-Branche ist die Harlequin-Debatte ein Warnsignal. Wenn etablierte Verlage beim Einstieg in das Format die Rechte und Interessen der Urheber übergehen, beschädigt das nicht nur einzelne Partnerschaften. Es vergiftet die Wahrnehmung des gesamten Formats bei einer Gruppe, die eigentlich natürliche Verbündete wären.

Romance-Autorinnen haben eine der engagiertesten Fangemeinden der Buchbranche. Sie könnten Mikrodrama-Adaptionen ihrer Werke bewerben und legitimieren, wenn man sie einbezieht. Oder sie könnten das Format öffentlich ablehnen, wenn man sie übergeht.

Wie wir in unserem Bericht zum Harlequin-Deal beschrieben haben, ist das finanzielle Risiko für beide Seiten mit 40 Titeln überschaubar. Ob das Experiment gelingt, hängt allerdings nicht nur von Zuschauerzahlen ab, sondern auch davon, ob Harlequin das Vertrauen seiner Autorinnen zurückgewinnen kann.