Neues Netflix-Feature: Serien und Filme im TikTok-Format entdecken
Netflix rollt einen vertikalen Kurzfeed in seiner iOS- und Android-App aus. Der Streamingdienst will damit TikTok, YouTube Shorts und Instagram Reels Konkurrenz machen. Erste Nutzer in Indien haben das Feature bereits entdeckt.
Netflix rüstet seine mobile App auf. Der Streaming-Riese integriert einen vertikalen Video-Feed, der an TikTok, YouTube Shorts und Instagram Reels erinnert. Nutzer können dort durch kurze Clips aus dem Netflix-Katalog swipen und sich anschließend die vollständige Serie oder den Film ansehen. In Indien ist das Feature bereits aufgetaucht, wie mehrere Reddit-Nutzer berichten.
Die Kurzvideos sind keine eigenständigen Produktionen, sondern Ausschnitte aus bestehenden Netflix-Titeln. Die Clips stammen laut Netflix aus der personalisierten Rubrik „Today's Top Picks for You“ und werden für jeden Nutzer individuell zusammengestellt. Innerhalb des Feeds lassen sich Titel direkt abspielen, auf die Merkliste setzen oder mit Freunden teilen.
Vom Experiment zum festen Bestandteil
Der Vertical Video-Feed ist kein Schnellschuss. Netflix hatte die Idee bereits im Mai 2025 auf seinem ersten Product-&-Tech-Event vorgestellt und begann damals mit globalen Tests auf iOS und Android. Co-CEO Greg Peters bestätigte auf dem Earnings Call zum vierten Quartal 2025, dass das Feature in den kommenden Monaten breiter ausgerollt werde.
Peters beschrieb den vertikalen Feed als Teil eines größeren Mobile-Redesigns. „Wir werden das später in 2026 ausrollen, und genau wie unser TV-Interface wird es dann ein Ausgangspunkt, eine Plattform, auf der wir weiter iterieren, testen und unser Angebot verbessern können“, sagte er. Geplant ist unter anderem, auch Video-Podcasts in den Feed einzubinden. Netflix hat bereits Podcast-Formate mit Pete Davidson und Michael Irvin gestartet.
Der Vorstoß ist nicht ganz neu für Netflix. Bereits 2021 testete der Streaming-Dienst ein TikTok-inspiriertes Feature namens „Fast Laughs“, das sich auf Comedy-Clips konzentrierte. Der neue Feed soll laut TechCrunch ein breiteres Publikum ansprechen und stärker personalisiert sein.
Netflix ist nicht allein
Netflix reagiert auf einen branchenweiten Trend. Tubi führte mit „Scenes“ bereits im Vorjahr ein ähnliches Kurzformat ein. Peacock startete kuratierte vertikale Video-Playlists, die neben Serien- und Filmclips auch Sport- und Nachrichteninhalte enthalten. Amazon und Google haben ebenfalls Interesse am Kurzformat signalisiert.
Der Unterschied zu eigenständigen Mikrodrama-Plattformen wie ReelShort oder DramaBox ist allerdings grundlegend. Netflix nutzt den vertikalen Feed als Entdeckungstool für seinen bestehenden Katalog. Die Clips sollen Nutzer dazu bringen, eine komplette Serie oder einen Film zu starten. Mikrodrama-Apps hingegen produzieren originäre Kurzserien, die ausschließlich für das Hochformat und die mobile Nutzung konzipiert sind.
TLDR: Was das für den Mikrodrama-Markt bedeutet
Netflix hat mit über 325 Millionen Abonnenten und einem Jahresumsatz von 45,2 Milliarden Dollar eine Reichweite, die keine Mikrodrama-App auch nur annähernd erreicht. Wenn Netflix seinen Nutzern vertikale Kurzclips anbietet, gewöhnt das Millionen von Menschen an das Swipe-Format. Das könnte langfristig auch den spezialisierten Anbietern zugutekommen, weil es Berührungsängste mit vertikalen Inhalten abbaut.
Gleichzeitig bleibt eine entscheidende Frage offen. Netflix zeigt Ausschnitte aus horizontal gedrehten Produktionen im Hochformat. Das ist ein anderes Erlebnis als eine Serie, die von Anfang an für die vertikale Betrachtung konzipiert wurde. Ob ein umgeschnittener Clip aus Wednesday im Hochformat wirklich dasselbe Engagement erzeugt wie ein Mikrodrama mit Cliffhanger nach 90 Sekunden, wird die Zeit zeigen.
Netflix setzt auf Entdeckung, Mikrodrama-Apps setzen auf Sucht. Das sind zwei verschiedene Geschäftsmodelle, die sich in der gleichen Darstellungsform treffen.