80 Serien in einem Jahr: So funktioniert die Mikrodrama-Fabrik
TelevisaUnivision hat in weniger als einem Jahr über 80 spanischsprachige Mikro-Serien produziert und 900 Millionen Social-Media-Views gesammelt. Der Medienkonzern will seine Erfahrung aus Jahrzehnten Telenovela-Produktion in das neue Format übertragen. Die Strategie unterscheidet sich deutlich von chinesisch geprägten Anbietern wie ReelShort oder DramaBox.
TelevisaUnivision baut seine Mikrodrama-Sparte ViX MicrO mit bemerkenswertem Tempo aus. In weniger als einem Jahr hat die Plattform über 80 Mikro-Serien produziert und mehr als 50 davon veröffentlicht. Die Zahlen klingen wirklich beeindruckend. 900 Millionen Views auf Social Media, 6 Millionen tägliche Nutzer und 80 Millionen gestreamte Minuten im ersten Jahr. Rafael Urbina, Präsident für Streaming und Digital bei TelevisaUnivision, sieht darin den Beweis, dass die Strategie funktioniert.
Der Ansatz des Konzerns unterscheidet sich grundlegend von dem der meisten Mikrodrama-Anbieter, denn während Plattformen wie ReelShort oder DramaBox ihre Wurzeln im chinesischen Duanju-Markt haben, kommt TelevisaUnivision aus der Telenovela-Tradition. Das Unternehmen produziert seit Jahrzehnten Melodramen für ein lateinamerikanisches Publikum und überträgt dieses Wissen nun auf einminütige vertikale Episoden.
Produktion im Telenovela-Takt
Die Produktionsmaschine hinter ViX MicrO nutzt die bestehende Infrastruktur von Televisa in Mexiko. Mehr als zehn Produktionsteams arbeiten parallel und können bis zu vier Serien gleichzeitig drehen. Eine Serie entsteht in nur fünf bis sieben Tagen. Über 50 Autorinnen und Autoren entwickeln Geschichten für die Plattform, während mehr als 450 Schauspielerinnen und Schauspieler vor der Kamera stehen. Viele von ihnen kommen aus Televisas hauseigener Schauspielschule, dem Centro de Educacion Artistica.
Die Serien selbst bedienen klassische Melodrama-Motive. Verbotene Liebe, Familienverrat, Rache und Identitätskonflikte prägen Titel wie El Regreso de la Heredera Fugitiva, Mi Padre Me Robó a Mi Novia oder Isadora la Usurpadora. Jede Serie umfasst durchschnittlich 60 Episoden, die alle auf einmal in der ViX-App erscheinen.
Die Serie Acábame erreichte laut Forbes in ihrer ersten Woche über vier Millionen Views. Das Publikum will also den Content, mit dem es schon seit Jahren vertraut ist, auch in Kurzform konsumieren.
Social Media als Trichter zur App
ViX MicrO verfolgt ein Discovery-Modell, das auf soziale Plattformen setzt. Trailer und die ersten fünf Episoden werden auf YouTube, Instagram, TikTok, Facebook und X gepostet. Wer weiterschauen will, muss in die ViX-App wechseln, wo die restlichen Episoden kostenlos verfügbar sind.
Rafael Urbina betont, dass die Mikro-Serien überproportional viele neue Nutzer in die App bringen, darunter viele, die Content von ViX bisher nur klassisch auf dem TV-Gerät genutzt haben.
Die Monetarisierung läuft aktuell über Werbung, Markenintegrationen und Product Placement. Eine gebrandete Serie für JCPenney mit kaufbaren Produkten direkt in der App zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Urbina deutet an, dass künftig auch ein Abo-Modell oder ein tokenbasiertes System denkbar wäre. Damit nähert sich TelevisaUnivision dem Freemium-Modell, das chinesische Anbieter längst etabliert haben.
Für 2026 plant das Unternehmen 100 neue Originalproduktionen für den Mikrodrama-Markt, ergänzt durch lizenzierte Inhalte aus anderen Märkten. Die Begründung ist pragmatisch. Zuschauer konsumieren das Format schnell, und der Katalog muss ständig wachsen, um Nutzer zu halten. Die Zeit wird zeigen, ob dabei nicht die Qualität abnimmt, wenn man nur am Fließband produziert.
Kein zweites Quibi, aber offene Fragen
Urbina grenzt ViX MicrO bewusst von Quibi, dem gescheiterten Kurzvideo-Dienst, der 2020 nach wenigen Monaten eingestellt wurde, ab. Quibi habe auf teure horizontale Produktionen mit Starbesetzung gesetzt. ViX MicrO dagegen arbeite mit vertikalen Episoden, niedrigen Produktionskosten und weitgehend unbekannten Darstellern. Auch generative KI soll bei der Produktion helfen, etwa für Hintergründe, Synchronisation und Übersetzung lizenzierter Inhalte.
Der Vergleich mit Quibi ist nachvollziehbar. Trotzdem bleiben Fragen offen. 900 Millionen Social-Media-Views klingen beeindruckend, sagen aber wenig über tatsächliche Verweildauer oder Konversionsraten in die App aus. Ob sich das werbebasierte Modell langfristig trägt, hängt davon ab, wie viel Werbezeit Zuschauer in einminütigen Episoden akzeptieren. Und die Konkurrenz schläft nicht. Telemundo hat ebenfalls Mikrodramen gestartet, und die großen chinesischstämmigen Plattformen expandieren zunehmend in den spanischsprachigen Markt.
TelevisaUnivision hat mit seiner Produktionsinfrastruktur und dem Zugang zu einem riesigen spanischsprachigen Publikum einen strukturellen Vorteil. Ob dieser Vorsprung reicht, um im schnell wachsenden Mikrodrama-Markt dauerhaft relevant zu bleiben, wird sich erst zeigen, wenn die Monetarisierung über Werbung hinausgeht.