Was ist BL? Wie Boys Love von Japan über Thailand ins Mikrodrama-Format kommt

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  • Boys Love bezeichnet Romanzen zwischen männlichen Figuren, primär in Manga und TV-Serien
  • Das Genre entstand in den 1970er-Jahren als Subgenre der japanischen Shōjo-Manga
  • Thailand produziert seit 2014 mit Titeln wie Love Sick und 2gether die global sichtbarsten BL-Serien
  • GagaOOLala aus Taiwan ist die bislang größte LGBTQ-Plattform mit BL-Fokus
Collage aus Boys Love Serien aus Thailand
Collage aus Boys Love Serien aus Thailand

BL steht für Boys Love und bezeichnet Romanzen zwischen männlichen Figuren, die in Japan als Manga-Subgenre entstanden und in Thailand zum globalen Serienphänomen wurden. Inzwischen erreicht das Genre auch das vertikale Kurzformat, von GagaOOLala bis zu neuen Vertical-Produktionen auf ReelShort und DramaBox.

BL ist die Kurzform für Boys Love und bezeichnet ein Genre, in dem romantische oder emotionale Beziehungen zwischen männlichen Figuren im Mittelpunkt stehen. Anders als das westliche Queer-Cinema ist BL weniger ein Label für LGBTQ-Repräsentation, sondern ein Romance-Genre mit eigenen Konventionen, eigenem Publikum und einer jahrzehntelangen Tradition. Entstanden ist es in Japan, seinen globalen Durchbruch feierte es aber in Thailand. Inzwischen erreicht es auch das Mikrodrama-Segment.

Für deutschsprachige Zuschauer ist das Genre oft überraschend, weil es sich nicht in die vertrauten Schubladen einordnen lässt. BL ist weder reines Queer-Drama im Stil von Call Me by Your Name noch Teenie-Romance nach westlichem Muster. Es ist ein eigener Kosmos mit eigenem Vokabular, eigenen Tropen und einem Publikum, das historisch überwiegend weiblich war.

Ursprung in der japanischen Manga-Szene

Die Wurzeln des Genres liegen in den 1970er-Jahren. In dieser Zeit begannen japanische Zeichnerinnen, romantische Geschichten zwischen männlichen Figuren zu erzählen, zunächst als Subgenre der Shōjo-Manga, also der Comics für junge Frauen. Der Begriff shōnen-ai bezeichnete damals die eher platonischen, stark stilisierten Versionen. Später kam yaoi hinzu, eine explizitere Form, die in der Doujinshi-Szene, also im Fan-Comic-Bereich, groß wurde. Die Wikipedia führt die moderne BL-Manga-Tradition auf Pionierinnen wie Moto Hagio und Keiko Takemiya zurück, die das Genre bereits in den 70er-Jahren prägten, wie der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zu Boys love dokumentiert.

Auffällig ist, dass BL von Anfang an nicht primär für ein schwules männliches Publikum geschrieben wurde. Das Genre entstand und entwickelte sich in einer Szene, die von Frauen getragen wurde. Im Japanischen bürgerte sich dafür der Begriff Fujoshi ein, wörtlich übersetzbar mit „verdorbenes Mädchen“, den die Fan-Kultur selbstironisch annahm. Das Magazin nippon.com beschreibt in einem Dossier zur Evolution der Boys-Love-Kultur, wie BL heute in Japan auch als Raum diskutiert wird, in dem Geschlechterrollen und Beziehungsmodelle durchgespielt werden, die im Mainstream-Romance seltener vorkommen.

Ab den 1990er- und 2000er-Jahren fand das Genre den Weg aus den Nischenmagazinen in den regulären Buchhandel und später ins Anime- und Live-Action-Fernsehen. Internationale Fans entdeckten BL parallel zum globalen Anime-Boom.

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Thailand als globaler Motor

Den eigentlichen Sprung zum TV-Mainstream machte BL aber nicht in Japan, sondern in Thailand. Als Startpunkt gilt die Serie Love Sick The Series aus dem Jahr 2014, die erstmals eine BL-Romanze in Langformat über mehrere Folgen in einem thailändischen TV-Sender platzierte. Der studentische Kontext der Serie prägte das, was im thailändischen Markt später unter dem Label „Y-Series“ firmierte. Das Y steht dabei für das aus Japan entlehnte Yaoi.

Love Sick The Series gibt es komplett mit englischen Untertitelnbei YouTube zum streamen

Den internationalen Durchbruch schaffte 2020 die Serie 2gether, produziert vom thailändischen Studio GMMTV und ausgestrahlt auf GMM 25. Die Serie ist eine Romantic Comedy mit den Schauspielern Vachirawit Chivaaree und Metawin Opas-iamkajorn, die im Februar 2020 startete. Die Ausstrahlung fiel genau in den Beginn der Pandemie, was einen Streaming-Effekt erzeugte. Über Plattformen wie YouTube, Line TV und Viki entstanden Fanbases in Lateinamerika, auf den Philippinen, in Indonesien und zunehmend auch in Europa.

Das Magazin gobserver.net zeichnet in einer Bestandsaufnahme der thailändischen Boys-Love-Landschaft nach, wie das Genre nach 2gether zu einem festen Exportprodukt des thailändischen Fernsehens wurde, mit jährlich dutzenden neuen Serien und wiederkehrenden Schauspielpaaren, sogenannten ships, als Marketing-Asset.

Daneben etablierten sich ähnliche Szenen in Taiwan, den Philippinen, Vietnam und Südkorea. In China wiederum adaptierte das Streaming-Ökosystem den verwandten Begriff Danmei aus der Online-Literatur für Serien wie The Untamed aus dem Jahr 2019. Wegen strengerer Zensurregeln bleiben die romantischen Elemente dort aber meist in einer enger definierten Freundschaftslogik.

Typische Tropen und Publikum

BL folgt einem festen Set an Figurenkonstellationen. Häufig sind die Protagonisten Universitätsstudenten, Kollegen oder Kindheitsfreunde. Beliebt sind Konstellationen zwischen Senpai und Kōhai, also zwischen älterem und jüngerem Semester, sowie die klassische „Enemies to lovers“-Dynamik.

Die Geschichten setzen häufig auf Slow Burn, also auf eine langsame emotionale Annäherung, und auf wiederkehrende Cliffhanger am Ende der Folgen. Explizite Szenen sind in Thailand und Taiwan möglich, in China dagegen ausgeschlossen.

Das Publikum hat sich seit den Manga-Anfängen stark erweitert. Während in den 70er- und 80er-Jahren vor allem junge Frauen die Zielgruppe bildeten, setzt sich die heutige internationale Fanbase aus einem diverseren Mix zusammen, darunter queere Zuschauer, junge Frauen jenseits der ursprünglichen Fujoshi-Szene und ein wachsender Anteil nicht-binärer Fans.

Ein ausführliches Genre-Porträt auf animeanalytica.com argumentiert, dass BL im 21. Jahrhundert zunehmend auch von queeren Autoren selbst bespielt wird, wodurch sich die Debatte um Authentizität und Fetischisierung verschiebt.

Genau diese Spannung prägt die kritische Diskussion. Kritiker werfen dem Genre vor, schwule Beziehungen teils stilisiert und entkontextualisiert darzustellen, ohne die realen Lebensrealitäten queerer Menschen in den jeweiligen Produktionsländern abzubilden. Verteidiger verweisen auf die kulturelle Eigenlogik des Genres, in der Repräsentation und Fantasie nebeneinander stehen.

BL trifft auf das Mikrodrama-Format

Der Schritt ins vertikale Kurzformat ist für BL ein logischer nächster Schritt. Die emotionalen Kernmomente des Genres, die langen Blicke, kurzen Berührungen und kleinen Geständnisse, funktionieren in 60 bis 90 Sekunden oft besser als in 45-minütigen Episoden. Hinzu kommt, dass das BL-Fandom seit Jahren stark auf TikTok und YouTube basiert, wo vertikale Edits einzelner Szenen Millionen Klicks generieren.

Die taiwanische GagaOOLala, nach eigenen Angaben die größte LGBTQ-OTT-Plattform weltweit, hat dieses Verhalten früh erkannt und 2025 mit eigenen vertikalen BL-Serien begonnen, darunter die koreanisch-thailändische Produktion Framebook.

Parallel experimentieren auch einzelne Produktionshäuser auf ReelShort und DramaBox mit BL-Plots, auch wenn diese dort noch nicht als eigene Rubrik geführt werden. Vigloo produzierte bereits 2024 mit Match Play ein vertikales koreanisches BL, das später in Langformat-Episoden umgeschnitten und international lizenziert wurde.

Für das Genre bringt das Mikrodrama-Format Chancen und Risiken zugleich. Die niedrigen Produktionskosten erlauben mehr Experimente, ungewöhnlichere Settings und schnellere Reaktion auf Fandom-Trends. Gleichzeitig steht zu befürchten, dass das Format mit seinem starken Cliffhanger-Zwang und seiner Coins-Monetarisierung den Slow Burn, also das erzählerische Herzstück vieler BL-Serien, erschwert. Ob BL im vertikalen Raum eine eigene Sprache findet oder lediglich die Tropen der Langformat-Serien verdichtet, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Was „BL” bedeutet, wenn man es zum ersten Mal hört

Wer „Boys Love” oder „BL” heute zum ersten Mal im Kontext von Mikrodramen hört, sollte das Label als Genre-Signatur lesen, nicht als generische LGBTQ-Einordnung. BL verweist auf eine bestimmte Tradition mit japanischen Wurzeln, thailändischem Erzählrhythmus und einem global vernetzten Fandom.

Im vertikalen Format ist es noch jung, aber es kommt nicht aus dem Nichts. Es bringt eine fast fünfzigjährige Genre-Geschichte mit, die das Kurzformat gerade erst für sich entdeckt.