Mikrodrama-Boom: Warum ARD, ZDF und Co. jetzt auf Kurzserien setzen

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Die ARD startet im April ihr erstes Vertical Drama auf TikTok, das ZDF arbeitet an eigenen Formaten, und mit Constantin Entertainment sowie Banijay Productions Germany positionieren sich gleich zwei große Produktionshäuser im Mikrodrama-Markt. Eine dpa-Meldung zeichnet das Bild eines Marktes, der in Deutschland Fahrt aufnimmt.

Innerhalb weniger Wochen haben sich gleich vier namhafte deutsche Medienakteure im Vertical Video-Markt positioniert. Die ARD bringt im April ihr erstes Mikrodrama auf TikTok, das ZDF bestätigt eigene Pläne, und mit Constantin Entertainment sowie Banijay Productions Germany drängen zwei etablierte Produktionshäuser in das Format. Eine dpa-Meldung vom 27. März fasst die Entwicklungen zusammen und ordnet sie in den internationalen Kontext ein.

Damit verdichtet sich ein Trend, den wir bereits Mitte März in unserem Überblick zum deutschen Mikrodrama-Markt beschrieben haben. Seitdem hat sich die Lage spürbar bewegt.

ARD startet mit Between The Beats auf TikTok

Das konkreteste Projekt kommt von der ARD. Die Vertical Drama Series „Between The Beats“ umfasst rund 23 Episoden mit einer Länge von jeweils ein bis drei Minuten und soll voraussichtlich im April 2026 auf TikTok erscheinen. Im Mittelpunkt steht ein Coming-of-Age-Drama im Ballettmilieu, das von K-Dramen und südkoreanischer Popkultur inspiriert ist. Die Hauptfigur Sara (Gio Yoo) lebt unter dem Erwartungsdruck ihrer Eltern und verheimlicht ihre Liebe zu K-Pop, bis sie den Musiker Daniel (Alexander Schmidt) trifft.

Produziert wurde die Serie von Red Pony, einem Label der Saxonia Media, im Auftrag von Radio Bremen und dem Saarländischen Rundfunk. Laut einer Mitteilung von Saxonia Media handelt es sich um die erste plattform-native Produktion dieser Art für das Label. CEO Sven Sund sagte dazu, in sozialen Netzwerken müsse man „anders erzählen“, das betreffe „eigentlich alle Parameter“.

Radio-Bremen-Programmdirektor Jan Weyrauch verwies auf die Tradition seines Senders bei Webserien und nannte die Mystery-Webserie „Wishlist“ von 2016 als Vorläufer. „Höchste Zeit für ein neues Experiment“, so Weyrauch.

ZDF bestätigt eigene Pläne

Weniger konkret, aber dennoch bemerkenswert sind die Signale aus dem ZDF. Programmchef Frank Zervos bestätigte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass an entsprechenden Konzepten gearbeitet werde. Ziel sei es, „neue serielle Erzählansätze“ für die mobile Nutzung „zu erproben“. Details zu konkreten Projekten, Plattformen oder Zeitplänen nannte der Sender nicht.

Dass beide großen öffentlich-rechtlichen Sender gleichzeitig in das Format investieren, ist ein Signal an die Branche. Es zeigt, dass Mikrodrama in Deutschland nicht mehr nur von Startups und internationalen Plattformen vorangetrieben wird.

Constantin Entertainment produziert für den Weltmarkt

Auf der privatwirtschaftlichen Seite ist Constantin Entertainment am weitesten. Das Münchner Unternehmen, bekannt für Formate wie „Shopping Queen“ und „LOL“, hat nach eigenen Angaben bereits zwei Staffeln mit jeweils 60 Folgen für die internationale Plattform Crisp Momentum produziert. Die Serien sind laut einer Pressemitteilung von Februar 2026 auf globale Auswertung ausgelegt und sollen ab April auf der Crisp-App verfügbar sein.

CEO Otto Steiner schätzt die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Europa auf einen sechsstelligen Millionen-Euro-Bereich. In der dpa-Meldung wird er mit den Worten zitiert, das Genre sei „nicht nur für die klassischen Sendergruppen und Plattformen interessant, sondern auch für die großen Telefongesellschaften und die Creator“. In den nächsten Jahren könne sich das „zu einem Milliardenmarkt entwickeln“.

Bereits im Dezember 2025 hatte Constantin Entertainment mit dem KI-animierten Format „Aminho - The Challenge“ einen ersten Impuls im europäischen Markt gesetzt. Die aktuellen Produktionen für Crisp Momentum markieren den Schritt von Experimenten hin zu einer systematischen Strategie.

Banijay setzt auf Creator-Reichweite

Auch Banijay Productions Germany ist aktiv geworden. Das Kölner Unternehmen produzierte ein New-Adult-Format mit 28 Episoden, das acht bekannte deutsche Kreative mit einer gemeinsamen Reichweite von über 33 Millionen Followern einbindet. Details zum Titel und zur Veröffentlichungsplattform sind noch nicht bekannt.

Das Projekt fügt sich in die konzernweite Mikrodrama-Offensive von Banijay ein, die parallel auch Produktionen in Finnland, Spanien und Brasilien umfasst. Bei einem Branchenpanel auf der Series Mania in Lille hatte Banijay-Manager Marco Bassetti das Format kürzlich als strategische Priorität für den Konzern bezeichnet.

Niedrige Kosten, offene Fragen

Ein Grund für das wachsende Interesse liegt in den Produktionskosten. Laut der dpa-Meldung kostet eine komplette Serie mit 26 Folgen zwischen 50.000 und 300.000 Euro. Zum Vergleich werden die Kosten einer deutschen Produktion wie „Babylon Berlin“ mit über drei Millionen Euro pro Stunde genannt.

Allerdings bleiben zentrale Fragen offen. Noch gibt es in Deutschland keine etablierte Content-Monetarisierung für das Format. Die ARD setzt mit TikTok auf eine Plattform, auf der Inhalte kostenlos konsumiert werden, was die Refinanzierung erschwert. Constantin Entertainment produziert für Crisp Momentum, eine Plattform, die hierzulande weitgehend unbekannt ist. Und Banijays Creator-Ansatz muss erst beweisen, dass Follower-Reichweite sich in zahlende Zuschauer übersetzen lässt.

Der deutsche Mikrodrama-Markt bewegt sich. Ob er sich auch trägt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.